WappenLexikon Geschichte Baden+Württemberg: Städte/ Reichsstädte in Südwestdeutschland

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Zur Geschichte der Städte in Südwestdeutschland (Reichsstädte, Residenzstädte, Landstädte) vom Mittelalter bis zum 19. Jahrhundert: Daten

Übersicht:
A. Vorgeschichte der Stadt und Frühes Mittelalter: Daten
B. Städteboom im Hochmittelalter (1000 - 1250): Daten
C. Städte in Spätmittelalter / Früher Neuzeit I (1250 - 1500)
D. Städte in der Frühen Neuzeit II (1500 - 1789)
E. Städte zu Beginn der Neuzeit (1789 - 1810)
F. Beispiel: Geschichte der Reichsstadt Schwäbisch Hall
Zur Geschichte der Städte in Südwestdeutschland (Reichsstädte, Residenzstädte, Landstädte) vom Mittelalter bis zum 19. Jahrhundert: Text

Übersicht:
A. Vorgeschichte der Stadt und Frühes Mittelalter
B. Städteboom im Hochmittelalter (1000 - 1250)
C. Städte in Spätmittelalter / Früher Neuzeit I (1250 - 1500)
D. Städte in der Frühen Neuzeit II (1500 - 1789)
E. Städte zu Beginn der Neuzeit (1789 - 1810)
F. Beispiel: Geschichte der Reichsstadt Schwäbisch Hall
A. Vorgeschichte und Frühes Mittelalter (bis ca. 1000 n.Chr.)

9000 v.Chr.: Stadtähnliche Siedlungen im Vorderen Orient 
5000 v.Chr.: Städte im Niltal (Theben)
                  Städte am Indus und am Jangtsekiang
                  Städte am Euphrat und Tigris (Uruk)
2000 v.Chr.: Städte auf Kreta (Knossos) und in Griechenland
 500 v.Chr.: Rom und andere Städte im römischen Imperium

A. Vorgeschichte und Frühes Mittelalter (bis ca. 1000 n.Chr.)

Städte gab es schon früh in Mesopotamien, in Ägypten, in Griechenland, bei den Römern, in Byzanz, bei den Arabern in Spanien, in Norditalien u.a.. 
In Südwestdeutschland gab es bis zur Jahrtausendwende keine Städte (wenn man von den keltischen oppida.und den römischen Kleinstädten vor 270 n.Chr. absieht).

Vorläufer /Kristallisationspunkte späterer Städte in Südwestdeutschland:

Römische Kastelle und Landstädte, z.B.:
73 n.Chr.: Rottweil: römischer Stützpunkt
               (municipium Arae Flaviae)
85 n.Chr.: römisches Kastell in Cannstatt
98 n.Chr.: Rottenburg (vicus Sumelocenna)
 
 
 
 

590 n.Chr.: Bistum Konstanz errichtet
 

771: fränkische Königspfalz in Rottweil
777: Cella des Klosters St.Denis am Ort des späteren Esslingen

839: Königspfalz in Bodman am Bodensee bezeugt
841: Königspfalz in Heilbronn bezeugt
854: Königspfalz in Ulm bezeugt
866 (ca): Marktprivileg für Esslingen
887: Königspfalz in Waiblingen (Reichsversammlung in W.)

950: Stutengarten des Herzogs von Schwaben in Stuttgart
999: Marktprivileg für Villingen

Im Frühen Mittelalter gab es im Ostteil des Frankenreichs und bei den Alamannen - außer an den Orten ehemaliger großer Römerstädte (z.B. Köln, Trier, Speyer) - keine größeren Ansiedlungen oder Städte. (Von den römischen Kastellen und Landstädten gab es seit der Aufgabe des Neckar - Limes um 269 keine städtische Kontimuität.) 
Das Land war geprägt von bäuerlichen Siedlungen im alles überwuchernden Wald, einzelnen Höfen oder dörflichen Gemeinschaften (wobei in der Forschung umstritten ist wann sich so etwas wie Dorfgemeinschaften bildeten), es war "eine armselige Welt aus Lichtungen und verstreuten Siedlungen" (so Jacques Le Goff im Band "Hochmittelalter" der Fischer-Weltgeschichte). Feste Plätze waren die Pfalzen für die Kaiser und Könige, die Paläste der Adligen und Bischöfe und - seit dem 9.Jahrhundert - die Burgen, und die weiträumigen Klosteranlagen.

Vom 8. Jahrhundert an bilden sich Vorformen von Städten, und zwar aus ganz verschiedenen Wurzeln: Es können Siedlungen sein, die sich um eine Kirche und um die Wohn- und Verwaltungsgebäude eines Bischofs bilden: aus Ihnen können sich später die Bischofsstädte entwickeln (so z.B. in Konstanz). - Andere Siedlungen entstehen in der Nähe von Klöstern. - Später bilden sich Siedlungen in der Nähe von Burgen, in denen die "Bürger" wohnen.- Kern einer Siedlung kann ein Königshof sein. - Der zunehmende Handel schafft einen Bedarf an Siedlungen für die Kaufleute, vor allem aber entstehen Märkte und Messen für alltägliche Güter und für Luxusgüter aus dem Fernhandel. Die Märkte, oft an verkehrsgünstigen Plätzen veranstaltet (und oft in der Nähe einer Kirche) sind häufig der Kern einer späteren Stadt.

B. Städte-Boom im Hochmittelalter (1000 - 1250 n.Chr.):

[Die Jahreszahlen der Stadterhebungen sind meist nur ungefähre und geschätzte Angaben, da meist genaue Urkunden fehlen.]

1009: Marbach erhält Markt- und Münzrecht
1080: Marktrecht für Pforzheim belegt
1100: in Radolfzell richtet die Reichenau einen freien Markt ein
1119: Villingen von den Zähringern als Handelsstadt 
         neu gegründet (evtl. auch erst 1200)
Freiburg1120: Freiburg im Breisgau als Marktort von den Zähringern gegründet

[Bild (Marke BRD, 1970): Freiburg im Breisgau, Stadtbild mit Münster, Schwarzwald-Silhouette]

1150::Gmünd (Schwäbisch Gmünd) von Friedrich I. Barbarossa als erste Stauferstadt gegründet

1150 - 1195. in dieser Zeit werden vom Staufer Friedrich I. Barbarossa weitere Orte zur Stadt erhoben:
- Bopfingen
- Breisach
- Giengen an der Brenz
- Ravensburg
- Überlingen

Michaelskirche Hall1156: Hall wird als Marktort bei der Michaelskirche privilegiert
 

[Bild (Marke BRD, 2006): 850 Jahre Weihe der Michaelskirche Schwäbisch Hall und des Marktprivilegs für Hall]

1181: Ulm als Stadt (civitas) genannt, erhoben von Friedrich I.

1190: Rottweil Marktsiedlung durch die Zähringer

1212: Esslingen von Friedrich II. zur Stadt erhoben
1210 - 1235: in dieser Zeit werden vom Staufer Friedrich II. weitere Orte zur Stadt erhoben:

- Biberach
- Heilbronn
- Pfullendorf
- Rottweil
- Wangen im Allgäu
- Weil der Stadt
- Weinsberg
- Wimpfen

1219 (oder 1240): Stuttgart wird zur Stadt erhoben durch 
        Markgraf Hermann V. von Baden
1230: Konstanz Freie Stadt (unabhängig vom Bischof)

1237 - 1250: Seit 1237 ist der Staufer Konrad IV König (unmündig); weitere Stadtgründungen durch die königliche Regierung in dieser Zeit:
- Aalen
- Buchau
- Göppingen
- Leutkirch
- Markgröningen
- Öhringen
- Reutlingen
- Saulgau
- Welzheim

StädteboomGraphik: 

Städtegründungen in 
Südwestdeutschland 
in den 
Jahrhunderten 
zwischen 
1150 und 1950
 
 
 
 

[Graphik aus dem Buch von Bauer u.a.: Unser Land Baden-Württemberg, S. 124]

B. Städte-Boom im Hochmittelalter (1000 - 1250 n.Chr.):

Das Hohe Mittelalter ist die Hoch-Zeit der Städtegründung auch in Südwestdeutschland. Dabei ist durchaus umstritten wann man von einer Stadt reden kann und was "Gründung" bedeutet: 

Zu den Kennzeichen einer Stadt:
Unbestritten ist: eine Stadt ist eine größere Ansammlung von Wohneinheiten an einem Ort, die mit Privilegien (z.B. dem Marktprivileg, evtl. auch dem Münzprivileg, oder dem Zollprivileg) ausgestattet ist. Nicht mehr so eindeutig ist ob jede Stadt auch mit einer Stadtmauer gesichert sein muss, ob jede Stadt von Anfang an ein eigenes Stadtrecht und Bürgerrecht haben muss, dass jede Stadt eine eigene Gerichtsbarkeit und eine eigene Regierung haben muss. Die Grenzen zwischen Dorf und Stadt waren zu Beginn durchaus fließend, auch wenn die Städte eine Tendenz zu "zentralen Orten" (W. Christaller) auch für die ländliche Umgebung hatten.

Die Gründung einer Stadt:
Die Erhebung zur Stadt erfolgte durch die Übertragung von Marktprivilegien und anderen Privilegien an eine Siedlung durch den Kaiser, den König, den Herzog, einen Grafen o.a.Fürsten. 
(Dabei sind fast keine Urkunden über die Stadtwerdung bekannt, sodass sich die Städte bei ihren Jubiläumsfeiern in der Gegenwart auf ungefähre Zeit-Schätzungen verlassen müssen - oder die besser dokumentierte Privilegierung als Marktort oder einfach die erste bekannte urkundliche Erwähnung eines Ortes als Geburtstag ihrer Stadt feiern.) (s.dazu etwa die BRM von Freising.) Selten wurde eine Stadt sozusagen aus dem Nichts heraus, auf dem Reissbrett, auf dem freien Feld gegründet; es wurden eher bestehende Vorformen von Städten aufgewertet und weiter privilegiert. Zutreffender sollte man dann von "Stadterhebung" reden als von "Gründung".

Anders war es vermutlich bei einigen Stadtgründungen der Zähringer, die wohl echte Neugründungen waren: Freiburg z.B., das um 1120 als Marktort von den Zähringern gegründet wurde, könnte so entstanden sein dass die beiden Hauptstraßen eines neuen Marktortes (das "Zähringerkreuz" mit dem Marktplatz am Kreuzungsplatz) festgelegt wurden und dann die Grundstücke für Kaufleute und andere Siedler angeboten wurden.

Das Mittelalter als Hoch-Zeit der Städtegründungen:

Im Mittelalter war es sozusagen Mode geworden überall Städte zu gründen. Das hängt wohl mit dem enormen Bevölkerungswachstum zusammen, auch mit dem zunehmenden Wohlstand der Bevölkerung, und mit der zunehmenden Arbeitsteilung (Spezialisierung der Handwerker, Kaufleute u.a.) die allein auf den Bauernhöfen oder Dörfern nicht effizient genutzt werden konnte..
Für die Fürsten, Könige und sonstige Städtegründer waren die Städte wichtig: einmal zur Gestaltung und Verwaltung der Wirtschaft in ihrem Land; dann als militärische Festungen; schließlich erwarteten die Stadtherren Einnahmen durch die Städte: Von den Marktgebühren, den Zollabgaben, den Münzerträgen floss ein Teil an die Herren der Städte. Es war ein gutes Geschäft.

Die Graphik in der linken Spalte zeigt wie die Städtegründungen in den Jahrhunderten verteilt sind. Zwischen 1200 und 1400 entstehen die meisten Städte; danach gibt es nur einzelne neue Stadtgründungen (dazu gehören etwa ab 1700 die neuen Residenzstädte Ludwigsburg, Karlsruhe, Rastatt). Erst im 19./20. Jahrhundert gibt es im Zusammenhang mit der Industrialisierung wieder eine beträchtliche Zahl von neuen Städten (wobei diese dann mit den mittelalterlichen Städten nur noch wenig Gemeinsamkeiten haben; außerdem ergeben sich dann auch mit den Eingemeindungen Großstädte mit ganz anderen Dimensionen als bei den früheren Städten).

Wichtige Städtegründungen im Hochmittelalter:

Städte gründen (oder bestehende Orte zur Stadt erheben) konnten zunächst nur Könige und Herzöge; daher wurden im 12./13. Jahrhundert die meisten Städte im Südwesten von den Zähringern und vor allem von den Staufern gegründet. - Später, seit dem Interregnum nach dem Ende der Staufer (1268), erscheinen auch die Grafen (z.B. die Grafen von Tübingen, die Grafen von Wirtemberg) als Städtegründer.

In der linken Spalte sind wichtige Stadterhebungen zusammengestellt. Die Geschichte der einzelnen Städte kann hier nicht beschrieben werden, sie ist meist über die Links zu den Städteartikeln im Lexikon erreichbar. - Exemplarisch ist unten die Geschichte der Reichsstadt Schwäbisch Hall etwas ausführlicher dargestellt.

Bürgerrechte und Bedeutung der Städte:

Mit der Gründung der Städte kommt eine neue Gesellschaftsstruktur in die mittelalterliche Gesellschaft: zwischen den abhängigen Bauern und den privilegierten Adligen entsteht als neuer Stand der (relativ) freie Bürger, der auch seine persönlichen, wirtschaftlichen und politischen Angelegenheiten mit zunehmender Autonomie selbst regeln kann. Dabei haben die Reichsstädte im Laufe der Zeit die größte Unabhängigkeit gewonnen. Und auch die Selbstverwaltung durch den Rat und die Bürgermeister ist hier am weitesten fortgeschritten.

"Stadtluft macht frei": Das galt sicher in besonderer Weise für die Leibeigenen, die aus den Dörfern in die Städte flohen und nach einem Jahr in der Stadt nicht mehr vom bisherigen Herrn zurückgefordert werden konnten.
Mit demokratischen Idealisierungen der Freiheit und Mitbestimmung im städtischen Lebens sollte man vorsichtig sein. Die vollen Bürgerrechte waren meist an Besitz gebunden, und es gab in allen Städten eine große Gruppe für die das volle Bürgerrecht nicht galt. Und: Bald waren die reichen Patrizier die tonangebende Gesellschaftsgruppe bei den Entscheidungen der Stadt.
Die Entwicklung der Zünfteist ein wichtiges Element der Selbstorganisation der Händwerker u.a. in den Städten.

Neben den wirtschaftlichen Zentren übernahmen die Städte immer mehr soziale und kulturelle Funktionen die bisher meist von den Klöstern wahrgenommen wurden:
- Die Städte richteten Spitäler für die Kranken ein, in denen später auch die Armen und die Alten versorgt wurden.
- Manche Städte bauten schon im 13. Jahrhundert ein elementares Schulwesen in der Stadt auf. Später kamen auch weiterführende Schulen dazu.
- Die Entwicklung der Baukunst war nicht mehr allein auf die Aufträge des Hofes oder der Kirchen angewiesen sondern hatte mit den bürgern neue Auftraggeber: Das Freiburger Münster z.B. ist von den Bürgern in Auftrag gegeben worden.
- Für die Malerei und die bildende Kunst überhaupt waren die Städte wichtige Zentren. Viele der großen Künstler der Frühen Neuzeit stammen aus den Städten, meist aus den Reichsstätten.

C. Städte in Spätmittelalter / Früher Neuzeit I (1250 - 1500)

1249 ff: Städtegründungen durch Grafen im Südwesten:

- Leonberg, Waiblingen, Schorndorf gegründet durch 
  Graf Ulrich I. von Wirtemberg
- Isny durch die Grafen von Veringen gegründet
- Tübingen durch die Pfalzgrafen von Tübingen gegründet
- Rottenburg durch die Grafen von Hohenberg
- Geislingen durch die Helfensteiner
- Calw durch die Grafen von Calw

1286: Stuttgart als Stadt bezeugt
1330: Stadtrecht für Cannstatt belegt
 
 

1370 ff:Städtebündnisse und Streit mit den Territorialfürsten:

1376 - 1389: Älterer Schwäbischer Städtebund unter 
         Führung Ulms
1377: Städtekrieg; Schlacht bei Reutlingen
1381: Bündnis der schwäbischen und rheinischen Städte
1388: Sieg der Fürsten (Eberhard II.) über die Städte bei Döffingen

1427: Jüngerer Schwäbischer Städtebund
1449 - 1450: Städtekrieg
1463: Rottweil "zugewandter Ort" der Eidgenossenschaft
 

C. Städte in Spätmittelalter / Früher Neuzeit I (1250 - 1500)

- Größe der Städte: "mein Land hat kleine Städte...."
Justinus Kerner läßt in dem Gedicht "Preisend mit viel schönen Reden" Herzog Eberhard mit dem Barte sagen: "..zwar mein Land hat kleine Städte...". So war es in der Tat: Von den ganz großen Städten des Spätmittelalters (Köln hatte immerhin ca. 40.000 Einwohner; die norditalienischen Städte wie Mailand und Venedig hatten über 100.000 Einwohner) liegt keines in Südwestdeutschland.

Die Einwohnerzahl mittelalterlicher Städte im Südwesten um 1500 war sehr viel kleiner:
- "Großstadt" (d.h.damals: über 10000 Einwohner) war nur Ulm.
- Große Mittelstädte (5000 - 10000 Einwohner) waren Esslingen, 
  Freiburg, Heidelberg, Heilbronn, Konstanz, Ravensburg, Stuttgart.
- Kleine Mittelstädte (2000 - 5000 Einwohner) waren Biberach, 
  Bruchsal, Isny, Kirchheim(Teck), Mergentheim, Offenburg, Villingen, 
  Weinheim, Wertheim, Wimpfen.
- Alle übrigen Städte hatten weniger als 2000 Einwohner.

[Angaben nach Bauer u.a.: Unser Land Baden-Württ., S. 124]

Im Übereifer der Städtegründungen gab es nicht nur zu viele, sondern auch zu kleine Städte, Zwergstädte, die kein genügend großes Einzugsgebiet hatten und die nicht lebens- und entwicklungsfähig waren. Sie verloren auch ihren Stadtstatus wieder. (so z.B. Gutenberg im Lenninger Tal: Das Dorf wurde um 1360 zur Stadt erhoben und verlor im 16. Jhdt. das Stadtrecht wieder.)

Anteil der Städter an der Gesamtbevölkerung:

Es gab um 1500 in Südwestdeutschland etwa 350 Städte nicht nur unterschiedlicher Größe, sondern auch unterschiedlicher Zugehörigkeit und Rechtsform: Es gab die Residenzstädte der größeren und kleineren Territorialfürsten, es gab die vielen kleinen und größeren Landstädte, es gab Freie Städte und es gab die (Freien) Reichsstädte. 
Dennoch beherrschten nicht die Städte das Siedlungsbildl; nur ein kleiner Teil der Bevölkerung lebte in Städten: Um 1500 lebten etwa 70 - 80 % der Bevölkerung auf dem Land und von der Landwirtschaft; nur 20 - 30 % lebten in Städten.

- Leistungen: Wirtschaft, Kultur und Kunst, Bildung, Soziales

D. Städte in der Frühen Neuzeit II (1500 - 1789)

1523 - 1524: Durchführung der Reformation in den meisten schwäbischen Reichsstädten

1599: Gründung von Freudenstadt

1704: Gründung der Stadt Ludwigsburg
1715: Gründung der Stadt Karslruhe

D. Städte in der Frühen Neuzeit II (1500 - 1789)
Reichsstädte in Südwestdeutschland von 1500 - 1802:

Karte 1789Karte VI:
Südwestdeutschland vom Mittelalter bis 1789:

Karte mit einem Überblick über die ca. 600 kleinstaatlichen Gebilde im Gebiet des heutigen Baden-Württemberg, wie sie sich seit dem Mittelalter gebildet haben; Stand um 1789, also vor der großen Neuordnung 1803/1806.
[Legende zu den Farben der Karte: gelb= Herzogtum Wirtemberg; braun= Markgrafschaft Baden; rot= Reichsstädte; grün= div. Fürstentümer; orange= Vorderösterreich; grau= geistliche Gebiete.]
[Karte nach Putzger, Karte zur Geschichte Baden-Württembergs]

[Durch Anklicken Vergrößerung der Karte (450 KB)]
 

Reichsstädte in Südwestdeutschland:

Zwischen 1500 und 1802 gab es in Südwestdeutschland 24 bzw. 23 Freie Reichsstädte, mehr als in jedem anderen Gebiet Deutschlands. (Einige Städte waren nach 1250 nur für kurzen Zeit reichsunmittelbar gewesen und dann von den benachbarten Landesherren übernommen worden (so z.B. Markgröningen, das 1336 an Wirtemberg fiel, oder Konstanz, das 1547 an Vorderösterreich kam). 

Im Gebiet des späteren Großherzogtum Baden waren es 5 Reichsstädte, die bis zum Ende des alten Reiches reichsunmittelbar blieben: Gengenbach, Offenburg, Zell am Harmersbach, Überlingen, Pfullendorf; dazu bestand noch das freie Reichstal Harmersbach.

Im Gebiete des späteren Königreich Württemberg waren es 18 Reichsstädte, die von 1500 bis 1802 als Reichsstädte Bestand hatten:: zu den gewichtigeren zählten Biberach, Esslingen, Heilbronn, Ravensburg, Reutlingen, Rottweil, Schwäbisch Gmünd, Schwäbisch Hall, und vor allem Ulm; mittlere und kleine Reichsstädte waren Aalen, Bopfingen, Buchau, Giengen, Isny, Leutkirch, Wangen und Weil der Stadt. Dazu noch Wimpfen..
[Die Karte in der linken Spalte zeigt die Lage der Reichsstädte, oft mitten im Gebiet eines Landesherrn gelegen. Und sie macht auch deutlich, wie manche Reichsstädte sich viele Orte, Dörfer und auch kleine Städte einverleibt habe und zu einem riesigen Besitz kamen.Besonders die Reichsstadt Ulm hatte ein weites Herrschaftsgebiet dazugewonnen; ähnlich war es bei Rottweil und bei Schwäbisch Hall.]

Die Reichsstädte hatten seit 1489 bei den Reichstagen eine eigene Vertretung, eine eigene "Bank" (neben den Vertretern der Territorialfürsten und den Reichsrittern und den Geistlichen Gebieten).

E. Beginn der Neuzeit (1789 -  1810)

1802: Eingliederung der Reichstädte nach Wirtemberg und Baden
1803: Reichsdeputationshauptschluss

E. Beginn der Neuzeit (1789 -  1810)
F. Schwäbisch Hall als Beispiel für die Geschichte einer Reichsstadt vom Mittelalter bis 1806

Hall, Schwäbisch Hall (PLZ: 74523), alte Salzsiederstadt am Kocher, Reichsstadt bis 1802, Kreisstadt des Landkreises Schwäbisch-Hall; ca. 36.400 Einwohner. -

Michaelskirche HallHall war von 1276 bis 1802 Reichsstadt. Berühmt ist die Altstadt von Schwäbisch Hall, mit der Michaelskirche und der großen Freitreppe und dem Barocken Rathaus am Marktplatz gegenüber der Michaelskirche.

[Bild (Marke BRD, 2006): 850 Jahre Weihe der Michaelskirche Schwäbisch Hall; Bild der spätgotischen Michaelskirche mit dem romanischen Kirchturm über der großen Freitreppe, Häuser der Altstadt von Schwäbisch Hall]

An der Geschichte von Hall lässt sich beispielhaft die Entwicklung der Reichsstädte in Südwestdeutschland in Mittelalter und Früher Neuzeit beschreiben:

1. Kristallisationskern und Vorform einer Stadt: Wirtschaftliche Grundlagen

Die Gründung einer Stadt - oder ihrer Vorformen - erfolgt oft in der Nähe einer Burg, bei einem kirchlichen Zentrum und / oder in einem verkehrsmäßig oder wirtschaftlich besonders günstigen Gebiet. Zur Vorgeschichte gehört häufig die Errichtung einer Kirche und/ oder eines Marktes.

In Hall, dessen Name mit dem Salz, einem der kostbarsten Güter des Mittelalters, zusammenhängt, war die wirtschaftliche Grundlage die Salzgewinnung am Kocher. Das Salz (das schon die Kelten gewonnen haben) bescherte im Mittelalter den Haller Salzsiedern und den Salzhändlern für Jahrhunderte Auskommen und Reichtum.
1090 ist der Name Hall erstmals urkundlich erwähnt (in dem gefälschten "Öhringer Stiftungsbrief", der auf 1037 datiert ist, der vermutlich erst 1090 geschrieben wurde). Der Ort dürfte aber viel älter sein.
1156, mit der Weihe der Michaelskirche am 10. Februar 1156 durch den Bischof von Würzburg, wird auch der Michaelsmarkt, ein siebentägiger Markt, in Hall errichtet. (Zum 800. Jubiläum dieses Ereignissen wurde die oben wiedergegebene Briemarke verausgabt.)

2. Die Erhebung zur Stadt:

Eine Siedlung wird gelegentlich von einer neuen Herrschaft übernommen, die einen Ort mit neuen Rechten ausstattet:

In Hall übernehmen Im 12. Jahrhundert die Staufer das Gebiet um die Salinen von den Grafen von Comburg und erweitern damit ihr Hausgut als Herzöge von Schwaben und Deutsche Könige. (Seit jener Zeit wird Hall, das in Franken liegt, als "Hall in Schwaben" oder "Schwäbisch Hall" genannt. Offiziell festgeschrieben ist dieser Name erst seit 1934.)
1189 errichten die Staufer, vermutlich durch Friedrich Barbarossa, eine königlichen Münzstätte. Hier wird der Haller Pfennig, eine kleinwertige Silbermünze, geschlagen, der als "Heller" über Jahrhunderte hinweg bekannt ist.

1204 wird erstmals Hall als Stadt genannt, wohl von den Staufern zur Stadt erhoben. Es erhält damit auch weitere Stadtrechte verliehen: Eigene Gerichtsbarkeit und eigene Verwaltung, Freiheit für ihre Bürger ("Stadtluft macht frei").Eine Stadtmauer zur Begrenzung und zum Schutz der Stadt wird erst einige Jahre später gebaut. 

3. Die Auseinandersetzung mit den Territorialherren und die Behauptung als (Freie) Reichsstadt:

Die Städte, vor allem die Städte auf dem ehemaligen Königsgut, stehen in Auseinandersetzung mit den Herrschaften der Umgebung, die die Macht über die Stadt gewinnen wollen, die möglichst die Stadt ihrem Territorium eingliedern wollen, oder denen die Stadt ein gefährlicher Konkurrent ist:

Bei Hall sind es vor allem die "Schenken von Limpurg", denen viel Land (und Wald) in der Umgebung von Hall gehört, die die Macht über die Stadt Hall gewinnen wollen. Vor allem nach dem Ende der Staufer 1268 glauben sie leichtes Spiel zu haben (auch weil die Haller fürs Salzsieden auf riesige Mengen Holz aus den Wäldern der Schenken zu Limpurg angewiesen sind).

1280 wird dieser Konflikt durch den "Wiener Schiedsspruch" des neuen Königs Rudolf von Habsburg beendet: Die Schenken von Limpurg werden abgewiesen, Hall behält seine eigenen Rechte. Hall bleibt Reichsstadt bis 1802.
(Die Schenken von Limpurg verlegen einen ihrer Herrschaftszentren nach Gaildorf am Kocher.)

4. Der Kampf um die Selbstverwaltung und Regierung der Stadt:

Wer regiert die Stadt? Es können Vögte des Königs oder eines Fürsten sein, oder Adlige, oder die Zünfte oder alle Bürger.

In der Stadt Hall sind die Machthaber zunächst nur einige Adlige, meist Nachkommen von Ministerialen (=Dienstleuten) der Staufer. Sie wohnen meist in der Stadt, bauen auch Geschlechtertürme als Zeichen ihrer Macht in der Stadt. Aber die Bevölkerung, vor allem die reichen Bürger und die Zünfte, wollen mitbestimmen.

1340 wird in einer Verfassungsurkunde von Kaiser Ludwig dem Bayern festgelegt, dass der Rat der Stadt Hall nicht nur von Adligen besetzt werden darf, sondern von einer Mehrheit der Bürger und Handwerker gebildet wird: Zum Rat sollen 12 Adlige, 6 Mittelbürger und 8 Handwerker gehören. Seitdem ist der Rat gemischt besetzt.
1512, nach einem letzten Umsturzversuch des Adels, siegen die Bürger. Die Adligen verlassen allmählich Hall.

5. Das Spätmittelalter als Hoch-Zeit der Städte:

Viele Städte erreichten den Höhepunkt ihrer Macht, ihrer Wirtschaftskraft und auch ihrer kulturellen Blüte im Spätmittelalter und in der Frühen Neuzeit.

Schwäbisch Hall hat sich nicht auf das Kerngebiet der Stadt  beschränkt. Seit dem 14. Jahrhundert vergrößert Hall sein Territorium: Die Stadt erwirbt (kauft, erkämpft, erbt) viele Dörfer und Gebiete in seiner Umgebung.
1595 erwirbt Hall als letztes größeres Gebiet Stadt und Herrschaft Vellberg. Zu Hall gehört damit ein Territorium von 330 Quadratkilometern mit den Städten Ilshofen und Vellberg sowie etwa 100 Dörfern und insgesamt 21.000 Einwohnern.

Das Spätmittelalter bringt in Hall auch eine Hochblüte der Kunst.
Der Neubau der Michaelskirche als spätgotische Hallenkirche mit den reichen Plastiken und Malereien wird im 16. Jhdt. abgeschlossen; 
1512 ist die große Freitreppe zur Kirche fertig. 

6. Die Frühe Neuzeit und die Städte (1500 - 1789):

Die Reformation Luthers hat sich in Südwestdeutschland zuerst in einigen Städten durchgesetzt, lange vor der Einführung in Wirtemberg oder in Baden.

1522 berief der Rat der Stadt Hall Johannes Brenz als Prediger an die Michaelskirche. Brenz führte behutsam die Reformation in Schwäbisch Hall ein. Hall wurde damit zur ersten lutherischen Stadt im Südwesten. - J. Brenz amtierte als Prediger in Hall bis 1548; zur Zeit des Interims mit seinen Rekatholisierungsversuchen musste er aus Hall fliehen. (Nach 1452 wurde Brenz dann zum Reformator Wirtembergs berufen.)

Der 30-jährige Krieg (1618 - 1648) brachte Elend, Tod und Verwüstung auch über die meisten Städte.

Schwäbisch Hall kam im 30-jährigen Krieg ohne Zerstörung davon, es verlor aber ein Drittel seiner Bevölkerung.

Schwere Katastrophen für die Stadt, die auch zum wirtschaftlichen Niedergang beitrugen, waren 2 große Brände, 1680 und 1728. 
1728 wurde die alte Kernstadt Halls fast vollständig vernichtet: 400 Häuser fielen dem Brand zum Opfer.
Beim raschen Wiederaufbau nach dem Brand wurde ein neues Rathaus am Markt gegenüber der Michaelskirche gebaut: Das besonders prächtige barocke Rathaus (1735 fertiggestellt).

7. Beginn der Neuzeit (ab 1800): Ende der Freien Reichsstädte:

Durch den Reichsdeputationshauptschluss verloren alle Freien Reichsstädte ihre Selbständigkeit und wurden von den neuen Ländern, dem Königreich Württemberg und dem Großherzogtum Baden, übernommen.

1802 bereits marschierten Truppen aus Wirtemberg in Hall ein und annektierten es für Wirtemberg, so wie es in den Vorverträgen mit Napoleon vereinbart worden war. Damit ist die Zeit der Freien Reichsstadt Schwäbisch Hall zu Ende.
Hall wird Sitz eines Oberamtes im neuen Königreich Württemberg.

G. Literaturhinweise:

Jürgen Sydow: 
Städte im deutschen Südwesten. Ihre Geschichte von der Römerzeit bis zur Gegenwart. Kohlhammer-Verlag 1987

G. Literaturhinweise:

André Wais, Rainer Redies:
Reichsstädte im deutschen Südwesten. DRW-Verlag 2003

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© Manfred Ebener / m.ebener@z.zgs.de / Lexikon Geschichte Baden-Württemberg: Stadtgeschichte / letzte Änderung: 10.2.2012

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