Atlantic Crossing

oder der Great Circle

 
 

Samstag, 28.8.99

Vorgeschichte dieses Törns: Hans Blumenbach, anstatt sich über mein erstes QE2 Tagebuch zu freuen, motzt mich am Telefon an, dass ich ja auch einen Ton hätte sagen können, dass ich aufs Schiff gehe. Ich verspreche ihm, ihn sofort zu benachrichtigen, wenn ich Kenntnis eines Schnäppchentörns bekomme.
Das ist dann am Sonntag, den 11. Juli der Fall, das Telefonat dauert zwei Minuten. Der Reiseteil von "Sonntag aktuell" wird eifrig gelesen, was man später an der Schwabendichte auf dem Schiff feststellen wird.

Lustig sind schon weiteren die Telefonate vor der Tour, insbesondere die Fragen der QE 2-gemässen Kleidung. Herr Blumenbach kündigt an, einen Trachtenanzug seines Schützenvereins mitnehmen zu wollen, was bei mir grenzenlose Begeisterung auslöst; ich sage voraus, dass der Käptn sich sofort seine langweilige weisse Uniform vom Leibe reissen und gegen die Schützenuniform eintauschen wird.
Schon mit der Anreise geht es gut los, Herr Blumenbach ist sehr gut mit seinem gelben Koffer zu erkennen; ausserdem macht er schon beim Einchecken in Frankfurt in gewohnt munterer Art fremde Frauen an.
Noch lustiger wird es beim Immigration in New York, als ich dem Beamten klarmache, dass ich sein gelobtes Land nur für ca. 4 Stunden beehren werde, was bei ihm leichte Fassungslosigkeit auslöst. Parallel dazu wühlt Herr Blumenbach verzweifelt in seinen diversen Taschen, weil er seinen Pass sucht, den er aber nachweislich dabeihat. Er darf dann nochmal in den Flieger zurück, wo sein Pass unter dem Sitz 51 F liegt. Wie er dahingekommen ist, wissen die Götter.Dann hat er ein weiteres traumatisches Erlebnis mit Mr. Sheahan, dem überaus bullbeissigen Einwanderungsbeamten, der auf Hans nicht sehr freundlich reagiert. Dabei hat Hans es nicht mal an der gebotenen Ehrfurcht fehlen lassen; bei Mr. Sheahans Schalter ist der amerikanische Boden eben ganz besonders heilig. Der Taxitransport gestaltet sich so, dass ich einen Nüsser Jung mit schwäbischer Ehefrau anmache und wir zu viert im Taxi zu den Piers fahren. Hans sitzt vorne und wird vom indischen Taxifahrer nach deutscher Geschichte ausgefragt.
Das Embarquing Gebäude sieht etwas gammelig aus. Die Zeremonie verläuft ähnlich wie in Southampton, allerdings geprägt vom Kontroll- und Sicherheitswahn der Amis.
Mitten in der riesigen Halle sitzen vier Amimädels, die Streichinstrumente bearbeiten, was fast gar nicht auffällt, aber die Geste zählt.

Auch der Bordfotograf lauert auf und wir versuchen, möglichst nicht den ganz grenzdebilen Gesichtsausdruck draufzuhaben, was Herrn Blumenbach nur sehr bedingt gelingt.
Entern des Schiffes verläuft etwas glanzlos, ausser dass Camilla harft, also alles beim alten.

Die übliche Hektik mit der Seenotrettungsübung, dann rauf aufs Deck. Hier stehen mehr oder weniger schön gekleidete Menschen, die Drinks zu sich nehmen und gespannt auf das Auslaufen sind. Man bekommt so eine leise Ahnung davon, wie es in den glanzvollen Zeiten des Atlantic Crossing zugegangen ist. Wir laufen mit 20 Minuten Verspätung aus, weil erst die "Zenith" rausgeht, deren Horn mich fast von Deck fegt, weil es deutlich mehr Power hat als unseres.

 


 
Dann werden wir von zwei Schleppern rückwärts rausgezogen und dann wird es absolut traumhaft, wie starbord (Steuerbord) Manhattan an uns vorbeizieht, die Wolkenkratzer liegen in einem sagenhaften Licht…und ich sehe zum ersten Mal die Freiheitsstatue.
Ein Feuerschiff verabschiedet uns und die Amis haben keine Kosten und Mühen gescheut und schicken uns noch eine Kunstflugstaffel hinterher, die schöne Rauchspuren am Himmel macht. (Wieso dürfen die Rauchspuren am Himmel machen, wenn überall in den USA Rauchverbot ist ??? )
Schön ist auch das Bild des Schiffschornsteins, wie er unter der Verrazano Narrows Bridge durchrauscht...
Geschwindigkeit 8,8 Knoten.
Wir werden die nördliche Route nehmen ( noch nördlicher als die Titanicroute), die ist nämlich wegen der Krümmung der Erdkugel kürzer- wieder was gelernt.

So sehen wir aus - Bild aus dem Internet ( wenn ich das gemacht hätte, hätte ich was falsch gemacht....)


Sonntag, 29.8.99

Fühstück im Mauretania, das zentrale Eierkochgerät ist kaputt , die Kellner sind hektisch, der Toast wie gewohnt hart und kalt, das gekochte Ei ist lieblos in seine Spitzenserviette reingerammt und Hans merkt die unorthodoxe Reihenfolge des Frühstücks an.

Dann machen wir den “Historical Trail” und erfahren so manche Geheimnisse, wieso z.B. die Aufzüge manchmal unmotiviert enden; das sollte dazu dienen, damit die Prolls nicht auf einmal in den Britannia Club einfallen. Ansonsten Geschichte von Cunard, die mal als Postschiffe angefangen haben - RMS heisst Royal Mail Ship und nicht Motor Ship, wie ich immer vermutet habe.

Beim Besuch der Library stellt Herr Blumenbach entzückt fest, dass das neue Oxford-Pons englisch-deutsche Wörterbuch in neuer deutscher Rechtschreibung vorhanden ist. Mittagessen im Lions und dann raus, Schleppe vom Schiff gucken.

Schiffchen hat jetzt seine Reisegeschwindigkeit und Flughöhe erreicht, 28 Knoten. Heute morgen waren es um 7.00 schon 23 Grad, mittags sind es ca. 30 Grad.
Zwei Stunden Dösen, was von englischen, amerikanischen und schwäbischen Lauten unterbrochen wird.

Der typisch deutsche Durchblickerpapa , diesen Typus, den man überall trifft, schlägt mal wieder zu , des Inhalts, dass er sich schon überall auskennt, natürlich so einer Lautstärke, damit auch alle mitbekommen, wie toll er ist - es ist schon erstaunlich, wie schnell manche Leute angeblich durchblicken.

Beim Einkauf von Shorts für Hans in der Shopping Mall beschwert sich ein Backnanger Ehepaar darüber, dass sie upgegraded worden sind; Zitat:” Do hocket lauder Millionär. Mir hent zwor au zwoi  Mercedes in der Garasch, aber die schwätzet von de Jaguar.” Insofern muss der Papa sich ein feines schwarzes Jackett zulegen. Die Ausgabe schmerzt weniger, als er sich und seiner Frau klarmacht, dass ja wegen zwei 80-jähriger Omas demnächst mal zwei Beerdigungen anstehen.

Auch wegen des Essens in feineren Kreisen gibt es Bedenken: “Hoffentlich nemmet die hoit obend den Hummer aus.” Ich biete freundlich an , bei den Schwierigkeiten behilflich zu sein, sie könnten den Hummer an Tisch 254 im “Mauretania” schicken.

 Abends erfahren wir, dass der Hurrikan “Cindy”, der in Georgia und den Carolinas sein Unwesen treibt, uns morgen abend erreichen soll- das Hospital rüstet schon  mit Tabletten und Spritzen für 40 Dollars auf und ich sehe dem Ganzen mit Interesse entgegen.

Am Himmel entwickelt sich ein richtig unheimlich aussehende Wolkenfront…
Abendessen und dann versumpfen wir in der Bar mit dem rheinisch-schwäbischen Ehepaar. Sie zu ihm :" Du bisch au emmer älleweil so plump”,worauf Hans ihn dann “Plumpi” tauft.

Montag, 30. 8. 99

Wir fahren an Neufundland vorbei und sehen das erste andere Schiff, ein Feuerschiff.

Mitreisende berichten, dass es wohl ernst ist mit der Sturmwarnung- sie haben sich schon für einen Spritztermin vormerken lassen. Ich äussere den Verdacht, dass das Haltbarkeitsdatum für die Dinger wohl bald ablaufen und weg müssen….Mittags um zwölf spricht wie jeden Tag der grosse Meister zu uns und gibt Sturmentwarnung- alles falsche Versprechungen und der Schiffsdoc bleibt auf seinen 40-Dollar-Antikotzspritzen sitzen.

Mittags liegen wir noch an Deck, aber dann wird es auf einmal empfindlich kühl. Also ist Mittagsruhe auf der Kabine angesagt.
Am späten Nachmittag fahren wir dann durch die absolut dicke Nebelsuppe, wir laufen nach vorne, weil man da das Nebelhorn besser hören kann und vorne weht es so vom Fahrtwind, dass man die Brille festhalten muss. Die See ist aber spiegelglatt.
Das ist so wenn Nebel ist. Ich finde diese Version langweilig, kein Nebel und ein bisschen mehr Action wäre mir lieber gewesen.
Die haben hier einen ziemlichen Verschleiss an Käptns, Mr. Warwick ist wohl in Rente gegangen, Mr. Wright dürfte so in meinem Alter sein- das werden wir heute abend an sehen, heute abend ist nämlich die Holzklasse mit Käptns Empfang dran.
Die Holzklasse hat sich auch aufgerüscht, auch die finanziell Minderbemittelten wissen, was sich gehört. Herr B. hat sich extra ein Dinnerjacket zugelegt ( da könnte er glatt als Gentleman Host durchgehen, wenn nur dieses Gesicht nicht wäre).



Wir reihen uns brav auf, so wie früher in der Schule nach der Pause, und werden dirigiert, damit wir auch ordentlich stehen- es ist wie bei Hofe
Dann denke ich, dass das nicht wahr sein kann- die schmieren uns hier an und wir müssen einem Kapitänsdarsteller die Hand drücken, das ist nämlich NICHT Mr. Wright, sondern der Staff Käptn. Knurren unter den Holzklassepaxen macht sich breit. Bis dann erklärt wird, dass der richtige Käptn in Erfüllung seiner Pflicht auf der Brücke weilt, um wahrscheinlich alle 2 1/2 Minuten höchstpersönlich in das Nebelhorn zu tröten.
Egal, wir sitzen im Queens Room und pfeifen uns Champagner und Kaviarschnittchen rein. Zum Essen gibt es heute Maine Lobster, sogar ein ganzer, weil der Hummer etwas sehr jung sein Leben lassen musste.
Heute abend ist Queens Room angesagt, wo neckische Tanzspielchen gemacht werden und ich habe echte Schwierigkeiten, herauszufinden, welches die Gentlemen Hosts sind, weil so viele Männer in Dinnerjackets rumlaufen.

Dienstag, 31.8.99

Ich sitze im Computerraum, es ist ja schon schwierig, da eine Kiste dranzukommen, weil die Computerkurse bei dem murseligen Wetter voll belegt sind. Mittlerweile kann man vom Schiffchen auch e-mails für 7,5 Dollar verschicken und für 5 Dollar kann man welche empfangen. Kommentar ueberflüssig. Was die amerikanischen Freunde nicht daran hindert, massenweise e-mails an liebe Mitmenschen zu schicken, um vom Schiff und körperlichen Gebrechen zu berichten ( Die Carbon Copies sind in den 7,5 Dollar enthalten).
Der Käptn entschuldigt sich gerade für sein gestriges Fernbleiben bei der Holzklasse, aber sein Platz bei dem Nebel sei auf der Brücke gewesen.
Entschuldigung angenommen.
Der Morgen fing schon mal gut an, in der Bordzeitung gab es einen dringenden Notfallruf : “Wer hat Haftcreme für dritte Zähne? Bitte bei Claudia melden” ( das ist die deutsche Chefstewardess). Kommentar von Hans: “Meine Zähne und ich schlafen noch nicht getrennt.”
Es sind 18 Grad, der Nebel hat sich so gelichtet, dass man auch wieder Wasser sieht (gestern war das nicht drin), die Luft ist sehr mild und es regnet. Die Decks sind glatt und in der mittäglichen Kurzpredigt werden wir vom Käptn auch zur Vorsicht draussen angehalten.

Wir legen am Tag ca. 600 Seemeilen bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 26,8 Knoten zurück. Es gibt auch die Möglichkeit, jeden Tag Wetten darauf abzuschliessen. Wir sind schliesslich auf einem englischen Schiff !

Trotz des miesen Wetters muss ich immer wieder mal nach draussen, weil es einfach faszinierend ist, dem Schiffchen aussen beim Fahren zuzugucken. Leider gibt es draussen aber nichts zu sehen, ausser Wellen mit kleinen Schaumkronen (moderate sea), und kein Whalewatching Heute haben wir volles Programm, um 14.00 müssen wir zu einem Aquarellmaler englischer Herkunft (Norman), weil er uns gestern einen Drink spendiert hat, wofür Herr B. sich mit , wie sollte es auch anders sein, anrüchigen Witzen in englischer Sprache revanchiert hat, was dann zum Einnehmen weiterer Drinks führte.
Um 16.00 Uhr ist dann Kaffeeklatsch mit Claudia, Plumpi möchte da wohl so Einiges loswerden, weil er einige Dinge hier doch nicht als fünfsternig empfindet.Also ein richtiger Stresstag auf See, und da fragen die Leute immer so blöd, was man den ganzen Tag so macht. Das mit der Faulheit, die sich so einstellt , scheint aber ganz normal zu sein, wie ich zwei Reisebeschreibungen entnommen habe. Ausserdem bin ich gar nicht sooo faul, weil ich das Tagebuch schon auf dem Schiff schreibe.
Abends versacken wir im “Golden Lion”, wo heute Karaoke angesagt ist; ich schaffe es nicht, Herrn Blumenbach, der mit seinem Dinnerjacket sehr vornehm aussieht ( wenn nur ...) zu der Frankieboy-Nummer “I did it my way” zu ueberreden.
Apropos Dinnerjacket, das hat der Meister sich extra gekauft und wir kämpfen am ersten formellen Abend zu zweit, bis wir das mit der Fliege hinkriegen, ohne dass er blau-lila anläuft und röchelnde Geräusche von sich gibt.

Mittwoch, 1.9.99

Der Morgen fängt gut an, ich bekomme nämlich für morgen eine persönliche Einladung um 11:30 a.m.beim Käptn. Nicht, dass das jetzt missverstanden wird, nicht ich alleine, sondern schätzungsweise mit ca. 600 anderen socalled Repeatern. Ich fühle mich auserlesen.
Frühstück mit Plumpis, Hans findet die Würstchen typisch englisch, mit garantiert keinen Fleischbestandteilen, nur aus Sägemehl und Gewürzen bestehend, aber er schaufelt sie mit Inbrunst in sich hinein. Für Heiterkeit sorgt auch der Kellner, der wie Frankenstein Junior aussieht und sich fortbewegt wie in the "Ministery for silly Walks".



Heute morgen sind zwei Aktivitäten angesagt, ein Vortrag über einen Transatlantikflug mit der Concorde – da muss ich natürlich hin. QE 2 und Concorde haben Einiges gemeinsam, z.B. dass beide 1969 in Dienst gestellt wurden, dass sie die gleiche Atlantikroute nehmen und dass die Concorde 23 Meilen in der Minute und das Schiffchen 23 Meilen in der Stunde macht. Bei dem Vortrag fällt ein Passagier durch Schnarchen auf und irritiert den Referenten; man hätte doch lieber ein Video mit den Start- und Landegeräuschen der Concorde anstatt des Diavortrags zeigen sollen.
Danach wird der Käptn in der Grand Loundge interviewt, auch das ist ein Pflichttermin. Er erzählt sehr anschaulich von den Hiwijahren, wo er den Weihnachtsbaum am Mast anbringen musste. Bei Cunard muss sich das Personal ganz von unten hochdienen.
Er macht den Job erst seit dem 22. August, sprich es ist seine erste Atlantiküberquerung eastbound. So ist es auch möglich, dass ein Passagier dem Käptn von der Plakette des 3 1/2 -stündigen Turnarounds erzaehlt, weil das ein Guinessrekord war, und der Käptn nicht weiss, wo diese Plakette eigentlich hängt. ( Hier hängen verdammt viele Plaketten rum).
Ein typischer Käptnstag verlauft so: 6 Uhr Aufstehen, 9.30 Meeting with important Officers und der Rest ergibt sich je nach Route und Wetter und nach den Pflichtterminen wie Cocktailparties. Also, der Junge muss noch üben. Deswegen war er auch fast die ganze Zeit brav auf der Brücke, insbesondere bei dem dicken Nebel. Wegen “Cindy” hat er auch am Anfang mehr Gas gegeben, weswegen wir jetzt langsamer fahren, so ca. 23 Knoten.
Dann dürfen die Paxe Fragen stellen und ein englischer Oppa fragt mit sehr beleidigtem Unterton, weswegen dieses englische Prachtstück eigentlich in Bremerhaven aufgemöbelt wird. Das Schiffchen hat es aber auch nötig, man muss nur mal die beschlagenen Fensterscheiben mit den kaputten Dichtungen angucken. Also, vom 12. November ist sie für einen Monat aus dem Verkehr gezogen, damit sie für die Millenium-Tour feingemacht wird. (Laut Prospekt war das nicht vorgesehen).
Die Stewards fangen unterdessen schon mal mit unmotivierten, lokal begrenzten Streichaktionen an.
Weitere Bestandteile des Tagesprogramms, allerdings nur für spezielle Zielgruppen: Grosselterntreffen (Norman, unser englischer Maler reagiert etwas pikiert, als ich ihm vorschlage, dass er da doch mit Hans hingehen könne....) und heute ist auch der Tag, an dem man im Yacht Club sein Eheversprechen erneuern kann.Die haben wirklich lustige Ideen hier.

Ausserdem muss der echte Schiffsfan immer mal rausgehen, auch bei Sauwetter und nachsehen, ob noch alles in Ordnung ist: ist der Schornstein noch dran,


 ist der Mast noch da und der Wellengang und die Schiffsschleppe müssen auch in regelmässigen Abständen kontrolliert werden.

Ich bin jetzt auch auf den Trick gekommen, wie man alleinstehende Männer kennenlernen kann: man muss nur bei der Fotogalerie vom Käptns Empfang die allein fotografierten Männer rausfieseln. Aber die Jungs kannze alle glatt inne Pfeife rauchen, nix dabei.

Abends im Restaurant ist internationaler Abend mit Beflaggung und Wunderkerzen.
Der erste Anlauf mit den Wunderkerzen klappt nicht so ganz, das gibt dann bestimmt einen gigantischen Anschiss vom Obersklaventreiber. Das Schwulenpärchen vom Nachbartisch ist heute besonders gut drauf, die haben wohl vor dem Essen schon ganz gut getankt. Jedenfalls fangen sie an, mir fröhlich zuzuwinken und ich schwöre Hans, dass ich absolut nichts getan habe, um sie zu dieser Kontaktaufnahme zu ermutigen.

 

Donnerstag, 2.9.99

Der letzte Tag auf See. Heute ist das rote Kleidchen angesagt, weil ich ja zu den Auserlesenen gehöre, die zu dem “Cunard World Club” Empfang dürfen
Man kann auch direkt ein paar Worte mit dem Käptn wechseln, und ich erfahre, dass Mr. Wright und Mr. Warwick sich abwechseln.
Bei diesem Empfang senke ich den Altersdurchschnitt doch sehr erheblich. Die Menschheit ist ein grosser Zoo, wovon sich einige der schönsten Exemplare auf der QE 2 tummeln. Ein Lieblingsausdruck meines Begleiters ist "Spinnwebclub"- dazu gehören hier so Einige. Eine alte Lady, die den Rollstuhl ihres Gatten schiebt, macht den Eindruck, als ob der Rollstuhl eher ihr zum Festhalten dient. Hans hat heute morgen schon den Atem angehalten, als eine 3-Zentner-Frau sich neben uns im Lido niedergelassen hat - die Stühle hier halten doch so Einiges aus.
Heute mittag sehen wir dann Delphine, wir sind südlich von Irland.
Letztes Abendessen nach dem Motto " wat muss wech?" Der Chefkoch muss wohl in der Tiefkühltruhe gecheckt haben, welche Haltbarkeitsdaten demnächst ablaufen.
Die Jungens laden auf, dass es nicht mehr feierlich ist. ( sonst waren die Portionen eher klein, so dass man auch 4 Gänge locker verputzen konnte). Es gibt eine Riesenportion Lachs, Greetings from our former Colonies ( ab und zu müssen die Engländer zwanghaft an ihre glanzvolle Vergangenheit erinnern) was ein Lammgericht von Hauptgerichtausmassen ist, gefolgt von Roastbeef mit Yorkshirepudding und Sherry Trifle.Heute abend hat der sonst Dezentere von unserem Schwulenpärchen farbmässig aufgerüstet, rote Jacke, blaues Hemd und grün-weiss gestreifte Krawatte. Sein Partner war heute morgen beim Käptns Empfang dabei mit knallrosa Hose und türkisfarbenen Jackett; weil ich meine Sonnenbrille nicht dabeihatte (und mich ohne Herrn B. einsam fühlte), habe ich dem Empfang dann vorzeitig verlassen. Also die Jungs sind nicht nur schwul, sondern auch farbenblind.

Unterschiede zur ersten Tour: Es gab einige Personalwechsel, die Oberhofdame, korrekt genannt "Social Directress" ist wohl auf Rente; die neue, Elaine, ist weniger affig .Der bulgarische Weinkellner ist sehr freundlich, und spricht auch mit einem, wenn man nur Californian Chardonnay zu sich nimmt.Camilla harft nicht mehr bei jedem Afternoon Tea, das Harfengeklimpere ist wohl noch mehr Leuten auf den Kranz gegangen. Und ich habe mich geirrt, es gibt doch Bingo an Bord, jeden Nachmittag in der Grand Loundge.
Aber bei einer Transatlantikpassage muss man doch mehr Entertainment bieten als beim Cruisen.
Tja, und der ganz grosse Unterschied war eben das Crossing, was eben das Legendäre an dieser Tour ausmacht, weil die QE 2 das als einziges Schiff noch macht und auch sowohl für die Atlantiküberquerungen als auch für Kreuzfahrten gemacht ist, vom Baulichen her.
Der echte Schiffsfan geht, so wie ich, regelmässig raus, auch bei Sauwetter und guckt mal nach, ob noch alles in Ordnung ist ( Mast noch dran oder wie der Schornstein bei Nebel, Wolken und Sonnenschein aussieht). Einfach das Zugucken beim Fahren ist faszinierend. Wie die Wellen durchschnitten werden, wie die Schleppe aussieht
Normalerweise werden Schiffe nach 30 Jahren nach 30 Jahren ausgemustert, aber QE 2 ist 1987 technisch absolut aufgemotzt worden, so dass sie mit den modernen Kreuzfahrern aber ganz locker mithalten kann. Trotzdem muss sie jetzt ins Dock, ein Lifting machen lassen.

Hoffentlich fährt sie danach noch ganz lange....


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