Dnjepr-Flußkreuzfahrt 13. bis 27.August 2006

 

 

Strecke: Kiew- Kaniw 135 km

Kiew - Tscherkassy 66 km ( kein Stop)

Tscherkassy - Krementschuk 110 km

Kremtnschuk - Dneprodsershinsk ( kein Stop) 114km

Dneprodsershinsk - Dnepropetrowsk 39 km

Dnepropetrowsk - Saporoschje 94 km

Saporoschkje- Cherson 269 km

Cherson- Odessa 161 km

Odessa-Sewastopol 297 km

 

Gesamtkilometer 1285                                                                                                  

Sonntag, 13. August

 Gisela und ich sind wieder unterwegs, diesmal nicht so weit wie im Frühjahr, aber auch exotisch.                                                                                             

Wir fliegen ab Frankfurt mit einer Boeing 737-500 der Ukraine Airways. Die Ansagen verlaufen auf ukrainisch und englisch- wir verstehen beides nicht, weil die

Lautsprecheranlage steinalt ist.

Mit dem Rolli verläuft das hier relaxter als bei der LH, allerdings auch in Kiew.

Da müssen wir zwei relativ lang vor dem Flieger warten, bis der Passagierbus noch mal wegen uns eine Extrafahrt macht.

Überall sonst in der Welt hätten die Sicherheitsbeauftragten einen Herzinfarkt bekommen, zwei Paxe so lange neben einem Flugzeug warten zu lassen.

Die Fahrt in die Stadt verläuft über eine Stadtautobahn mit vier Spuren, die wohl erst kürzlich gebaut wurde.

Das Boarding verläuft auf ukrainische Art, mit Brot und Salz, aber die Mädels am Empfang im Schiff sind nicht so wirklich freundlich.

Der ehemalige Sowjetmensch war eben niemandes Diener, er hatte sich ja von dem Joch der diversen Unterdrücker befreit, so muß man das sehen.

Wir legen ziemlich zentral, gegenüber ist eine Dnjepr-Insel, die als Erholungsgebiet dient, mit schönen Sandstränden, und da heute Sonntag ist, ist es voll.

Ich mache mich nach einer kurzen Pause auf, um Geld zu tauschen, es hieß, daß es Wechselstuben in der Hauptstraße gäbe.

Ich suche und suche und sehe die Euro, Dollar- und Rubelzeichen immer nur an Geschäften.

Also versuche ich es mal in der Bodenstation des Funikular, der Seilbahn, die die Unterstadt mit der Oberstadt verbindet und frage dann

entnervt einen Milizionär. Der sagt was von 30Metern und dann entere ich doch mal das Wäschegeschäft, an dem ein Schild mit Euro-

Dollar und Rubelsymbolen hängt und in dem gleich rechts eine winzige Bude ist, in dem eine Frau sitzt und die Euroscheine in eine Ecke wirft,

nicht mal eine Geldkassette ist vorhanden- Ist mir aber völlig egal, Hauptsache ist, dass ich ein paar Griwna habe, für 100 Euro bekommt man 640 Griwna.

Der Durchschnittsverdienst liegt so bei 800 Griwna.

Hier in der Hauptstraße der Unterstadt herrscht reges Treiben, die Cafés sind voll.

 

Abendessen gibt es um 18:30, es gibt griechischen Salat mit frischen geriebenen Möhrchen und Weißkohl, Schweinebraten mit Kartoffeln und einer

Blätterteigcremeschnitte als Nachtisch.

Unsere Tischnachbarn sind Margret und Helmut aus Essen, ein agiles Rentnerehepaar; besonders Margret hat ein paar sehr satte Sprüche drauf,

wie sich dann später noch zeigen wird.

Dann setzten wir uns auf das Oberdeck und trinken einen trockenen ukrainischen Rotwein, der wie ein französischer Landwein schmeckt.

Auf der Uferpromenade ist gut was los, neben uns liegt ein Discoschiff und dann gibt es auch noch ein Feuerwerk auf beiden Uferns des Dnjepr.

 

Montag, 14. August

 

Morgens verschlafe  ich erst mal, weil  ich denke, dass es noch dunkel ist und ich nicht aufzustehen brauche.

Aber das ist das Schiff, das neben uns liegt und den Blick auf die aufgehende Sonne versperrt.

Also Alarmstart 20 Minuten vor Abfahrt des Busses, Im Restaurant ergattere ich noch ein Käsebrötchen und eine Kaffee und es kann losgehen.

Der Fahrer kassiert erst mal ein Knöllchen, weil er die Hauptstraße etwas unorthodox überquert, um sich und uns einen Umweg zu ersparen.

Das kostet 20 Griwna.

Wir fahren zuerst zur Kathedrale des Heiligen Michael, Schutzpatron der Stadt. Um dreiviertel zehn geht ein wunderschönes Glockengeläut los,

die 24 verschiedenen Melodien sind von einer deutschen Firma programmiert worden.

Heute ist Christi Erlöser, ein ziemlich hoher orthodoxer Feiertag. Neben der Kathedrale, die zu Sowjetzeiten zerstört wurde und die erst in

letzter Zeit (in den 90-ern)  wiederaufgebaut wurde war früher die Parteizentrale, heute das Außenministerium.

Wir laufen die älteste Straße Kiews entlang ,das ist eine der schickeren Wohngegenden, in der auch Kutschma wohnt, zur Andreaskathedrale,

ein barocker Bau im- Grundriß erinnert sie etwas an die Dresdner Frauenkirche, nur ist die Kuppel türkis und filigraner.

Und sie wurde von Rastelli erbaut, der auch in Petersburg tätig war und mein Reiseführer meint, daß diese Kirche teilweise an das

Katharinenpalais erinnert.

Das hier  ist ein nettes Viertel mit zum Teil sehr alten Häusern und hier gibt es auch die ersten Andenkenstände, bei den T-Shirts finde

ich den Lenin mit dem ausgestreckten Mittelfinger sehr apart.

Danach fahren wir zur Jaroslawkathedrale, eine Kirche im neobyzantinischen Stil und da geht es wirklich ab- sogar Fernsehteams

sind da, um die vielen Menschen, die halbkreisförmig draußen um die Kirche stehen, weil sie nicht mehr hereinkommen, zu filmen.

Es sind nicht nur die alten Frauen, die hier mit getrockneten Blumensträußen in die Kirche strömen, sondern auch viele junge Frauen,

die Männer sind in der Minderzahl.

Vor der Kirche ein Stand neben dem andern mit zum Teil kunstvoll gebundenen Sträußen, die in der Kirche geweiht werden und

dann zuhause ein Jahr lang gute Stimmung verbreiten sollen.

 

Mittagessen, es gibt Lachscreme auf Tomate, Sauerampfersuppe und Schweinebraten mit Aprikosensauce, der nicht überall Beifall findet

und als Dessert gibt es Bananenmilch.

Für mich geht dann nach einer Kaffeepause gleich weiter zum Höhlenkloster.

Das ist eines der Javraklöster, d.h. großes Kloster, Sagorsk bei Moskau gehört auch dazu.

Der Teil des Klosters, den wir als erstes sehen, ist Museum mit der wunderschönen Maria-Entschlafens-Kathedrale, die 1941 unter

ungeklärten Umständen gesprengt wurde und auch erst in den 90-ern wieder aufgebaut wurde.

Der zweite Teil mit Refektoriumskirche ( das ist die mit der grünen großen Kuppel ) ist dann wirklich Kloster, d.h. Frauen müssen

eine Kopfbedeckung aufsetzen. Dann geht es einen Weg runter zu den Katakomben. Hier wird die Jahresproduktion an Honig verkauft,

Wespen und Bienen freuen sich, die Touristen weniger. Wieder sehen wir viele Gläubige, z.T. sehr ärmlich aussehende Frauen.

Für die Katakomben werden dünne Bienenwachskerzen erworben, weil der Gang nach unten steil und dunkel und nichts für Menschen

mit klaustrophobischen Anwandlungen ist.

Es ist ein bißchen unheimlich, an den jahrhundertealten Mumien vorbeizugehen.

Die Mumien sind frühere Mönche, Heilige der Orthodoxie und Urväter des Klosters und sie sind durch günstige Umstände mumifiziert,

die chemische Beschaffenheit des Bodens und Klima haben das begünstigt. Sie liegen in Glassärgen und sind mit kostbaren Gewändern abgedeckt.

Das weitverzweigte Höhlensystem ist nur zum Teil zugänglich, die Gänge sind etwas zwei Meter hoch und nur 1,5 Meter breit; in einem Teil der

Höhlen gibt es sogar drei kleine Kirchen.

Ich erwerbe noch eine aktuelle CD mit Aufnahmen des Jugendchors des Klosters- das gibt doch an Weihnachten ein neues Klangerlebnis.

Ich bin froh, als wir wieder draußen sind, weil das doch ein wenig beklemmend war, und feiere das am Ausgang mit einem Becherchen Kwaß.

Das ist ein russisch-ukrainisches Nationalgetränk, angeblich sehr gesund und schmeckt so ein bißchen wie junger Most.

Ich bin gespannt auf die Auswirkungen auf die Peristaltik, denn der Kübelwagen, in dem der Kwaß gelagert wird, sah hygienisch schon recht zweifelhaft aus.

 

Abends gehe ich noch mit unseren Tischnachbarn an einer der offenen Hafenkneipen ein Bier trinken.

Dann pünktlich um 21:30 legen wir ab und fahren unter den sieben Brücken Kiews durch, erst unter der Fußgängerbrücke die zur Erholungsinsel

führt und an die Kettenbrücke in Budapest erinnert, und später dann unter der ältesten Stahlbetonbrücke der ehemaligen Sowjetunion.

Jaroslawl grüßt uns mit dem leuchtenden Kreuz in der linken Hand.

Da wir den Käptn's Empfang schwänzen, es ist einfach zu voll dort, haben wir die besten Plätze beim Auslaufen.

 

Dienstag, 15. August

 

Wir legen in Kanew, der Partnerstadt von Viersen an.

Das ist auch die Stadt, wo das Museum für den Nationaldichter, Taras Schewtschenkow steht, aber das ist geschlossen.

Kanew hat etwa 12.000 Einwohner und nichts Sehenswertes, sagt Ludmilla unsere Reiseleiterin für diese 14 Tage- sie hat recht.

Es sieht noch aus wie zu Sowjetzeiten, mit trostlos  aussehenden Läden und tristen Wohnblocks.

Wir fahren in das Dorf Stepantsi, die Gegend ist leicht hügelig, die Weizenfelder sind schon abgeerntet, aber der Mais und die Sonnenblumen stehen noch.

Die Bauernhäuser sind  aus weißen Backsteinen, ab und zu ist eins weiß verputzt und es sieht eher zweckmäßig  als schön aus.

Wir sind darauf vorbereitet worden, dass wir ins 19.Jahrhundert fahren, das Dorf hat kein fließendes Wasser, alles muß aus Brunnen geholt werden.

Als erstes gehen wir in die Schule, dort werden wir schon erwartet, die stellvertretende Direktorin begrüßt uns, ein Mädchen ist verdonnert worden,

uns Brot und Salz zu kredenzen und schaut etwas lustlos.

Mir würde es auch stinken, in den Ferien in die Schule zu müssen…

Es wird etwas zur Schule erzählt und ein Führer meint, je mehr wir fragen würden, desto  kälter würde der Bortsch und um so wärmer der Wodka.

Daraufhin werden die Kanadier, die sich hier unangenehm als Streber hervortun, gnadenlos abgewürgt.

Es folgen diverse Gesangsdarbietungen, erst mit Akkordeonbegleitung und dann mit Technik.

Eine der drei Künstlerinnen übt schon mal für den European Song Contest in ca. 5 Jahren.

Für ihre 14 Jahre ist sie schon gut aufgedonnert und die Bewegungen kriegt sie auch schon ganz gut hin.

Eine ältere Frau (wie sich später herausstellt, die Physiklehrerin) klatscht bei jeder Darbietung frenetisch Beifall.

Danach Schulbesichtigung, die freundliche Physiklehrerin öffnet ihren Physiksaal, in dem auf den Schülerbänken auch  Schaltungen  angebracht sind.

Offensichtlich hat es keiner der Schüler bis jetzt geschafft, damit die Schule in die Luft zu jagen. Die Lehrerin öffnet uns sogar den Zugang zu ihrem

Lehrmittelraum, nicht zu fassen, was da so alles rumsteht.

Im Chemiesaal stinkt es wie bei uns früher, also schnell raus

Ich muß mal wohin und ich dachte mir, daß das in der Schule wohl ok ist.

Denkste, mir wird der Weg zu einem Häuschen außerhalb gezeigt und mich erwartet ein Erdloch.

Da ich schon im sowjetischen Mittelasien war, verziehe ich keine Miene, als Ludmilla mich fragt, wie es war.

In meinem Kulturschock Ukraine-Buch steht zu diesem Thema:.."aber die hygienischen Bedingungen sind meistens furchterregend

und gewöhnungsbedürftig." Stimmt!

 

Danach kommt der Teil, vor dem wir gewarnt worden sind, nämlich die Poliklinik  mit angeschlossenem Altersheim.

Das Ganze wird gerade renoviert und so stehen die Betten der alten Leute zum Teil auf dem Flur, die Bettwäsche ist zum Teil zerrissen,

es stehen Teller mit Grütze auf dem schäbigen Nachttisch, als Obst gibt es die heruntergefallenen Augustäpfel und in einem Zimmer,

das fertig renoviert ist, liegen vier alte Frauen und dämmern vor sich hin. Draußen sitzen die Fitteren, die ausdruckslos gucken und ich

weiß nicht, wie ich mich verhalten soll.

Mich macht das traurig, andere dagegen wütend, weil die  Alten hier so vorgeführt werden.

Diese Ausflüge wird es auch in Zukunft nicht mehr geben,

sagt Ludmilla, und im nächsten Prospekt des Veranstalters ist dieser Ausflug auch nicht mehr enthalten.

Dann noch Kindergarten ohne Kinder, wegen Ferien und dann Mittagessen in einem Bauernhaus.

Naja, Bauernhaus, die angebliche Bäuerin kommt uns bekannt vor- es ist die stellvertretende Direktorin der Schule.

Unter einer Pergola ist der Tisch für unser Gruppe, ca.30 Leute gedeckt, es gibt Bortscht mit Kartoffeln und Bohnen (ohne Rote Bete),

dann Salzgurken mit Knoblauchspeck und Wareniki mit Kohl und Zwiebeln gefüllt.

Ganz schön viel Arbeit, da gab es sicher unsichtbare Helferinnen.

Wodka gibt es natürlich auch, man muß das Glas viermal erheben. Da es kleine Gläser gibt, ist es keine Problem nur so zu tun, als ob ich trinke,

ein dicker Wiener trinkt meine Portion locker mit. Der selbstgebrannte Wodka, richtig professionell mit Etikett wird für 3 Euro

verkauft und findet reißenden Absatz.

Nachmittags dann an Deck, es ist schön ruhig, die meisten hören dem Vortrag über die  weiteren fakultativen Ausflüge zu.

Die Landschaft: buschbestanden, ab und zu Weiden, Schilf, Sandstrände und viele kleine Inseln. Ab und zu  wird gezeltet und ab

und zu sehen wir ein Boot mit angelnden Menschen.

Drei Halbstarke umkreisen uns mit einem primitiven Außenborder schon recht nah.

Die Mannschaft auf der Brücke sieht sich das eine Weile an und dann werden Gegenmaßnahmen ergriffen: mit einem Wasserstrahl aus einem

Schlauch sollen die Jungs vertrieben werden, aber die finden das Spiel klasse und machen noch eine ganze Weile weiter.

Abends ist Disco, mit Liedgut wie "Tulpen in Amsterdam". Die Sängerin der Zweimannband hat die heißesten Strumpfhosen an,

die wir je gesehen haben, vorne im Stil Schnürstiefel und hinten mit neckischen Schleifchen.

 

Mittwoch, 16. August

 

Wir sind in Krementschug, ein Ort, für den selbst mein Dnjepr-Reiseführer nur 10 Zeilen übrig hat.

Der Ausblick steuerbord ist auf  wunderschöne Flußlandschaft, der backbord auf Hafenempfangsgebäude im schönsten sozialistischen Stil.

Ludmilla führt uns in die Stadt, die ca. 250.000 Einwohner hat.

Hier war früher das Zentrum  der LKW-Produktion und die Ölraffinerie ist noch von Bedeutung.

Es gibt einen netten Park und ansonsten häßliche Häuser.

Ich sehe eine Kinderbibliothek und muß da rein. Es ist nichts los, weil die Kinder Ferien haben, nur im Computerraum mit 10 PCs mit

Internetanschluß sitzt ein Junge.

Es wirkt alles sehr ärmlich, die Bücher sind alt, aber die großen Fenster sind liebevoll mit Büchern und Plüschtieren dekoriert, hier muß früher

mal ein Geschäft drin gewesen sein.

Nach der Kultur ist das Kaufhaus dran, die Warenpräsentation ist dicht gedrängt, und es gibt so kleine Kabinette, z.B. für Blusen oder

Lederjacken, in denen mehr oder weniger gelangweilte Verkäuferinnen sitzen und lesen.

Ich erwerbe in der Haushaltsabteilung knallbunte kleine Plastikschälchen.

Auf solchen Schälchen wurden gestern die Salzgurken und der Speck serviert, das mußte ich haben.

Zur Mückenabwehr werden Zigaretten Marke "Kosaken" gekauft.

Auf dem Markt ist jede Menge los, es gibt alles. In der Fleischabteilung werden sogar Hühnerkarkassen und Hühnerfüße verkauft.

Es gibt Büdchen außen, dann einen ganz neuen Teil, in dem hauptsächlich Gemüse und Obst verkauft wird und im alten Teil gibt es

Fleisch und Molkereiprodukte.

Am dollsten finde ich die Molkereiabteilung, in der meine heißgeliebte saure Sahne verkauft wird, die Verkäuferinnen sehen mit ihren

Kopfbedeckungen auch noch aus wie in Sowjetzeiten.

 

Zum Mittagessen gibt es Oktopussalat mit Käsestreifen (!), eine recht dicke Kartoffelsuppe, Kohlrouladen und Berliner.

Dann erwarten wir mit Spannung die Hebebrücke, der untere Teil, der für den Zugverkehr vorgesehen ist, ist für unsere Passage hochgezogen

worden und wird auch zügig wieder runtergelassen, als wir passiert sind.

Abends kann man draußen sitzen, aber heute nerven die Mücken. Meine Kosakenzigaretten, die ich eigentlich zur Mückenabwehr gekauft hatte, scheinen die

Viecher direkt anzuziehen.

Wir kommen so langsam in die Industriegegend, abends passieren wir Dnepropetrovsk mit seiner Stahl- und Eisenindustrie.

Nachts sehen wir die Hochöfen und einen Hochofenabstich, was eine gute Beleuchtung abgibt. Unsere Ruhrpottler fühlen sich in die 50-er Jahre zurückversetzt.

 

Donnerstag, 17. August

 

Morgens haben wir den Wecker sehr früh gestellt, weil wir heute die höchste Schleuse passieren, 36 Meter hoch und 300 Meter lang.

Die ist höher wie die drei Panamakanalschleusen zusammen.

Anlegen in Saporoschje, eine 900.00 Einwohner-Stadt. Wir machen den Ausflug zu der 12 km langen und 2 km breiten Insel Chortycia,

die Naturschutzgebiet ist. Die Doppelbrücke stammt aus den 30-er Jahren, sie wirkt nicht mehr ganz auf der Höhe der Zeit, deswegen

wird daneben eine neue Brücke gebaut.

Auf der Insel war schon immer eine Menge los, u.a. die Tartaren waren hier auch schon zugange.

Aber wir besuchen die Insel wegen des Kosakenmuseums, die Kosaken hatten hier nämlich ein Hauptquartier, in dem nur Männer gestattet waren.

Die Lebensform der Kosaken (freie Bauern), die man für damalige Verhältnisse demokratisch nennen kann, war Katharina der Großen ein großer Dorn im Auge.

Sehenswert im Museum ein angeblich 6000 Jahre alter -Eichenbaumstamm und eine Möwe (Boot der Kosaken)  aus dem 11. Jahrhundert.

Zurück zum Schiff fahren wir über die Mauer des 760 m langen Wasserkraftwerks, imposant.

Dann sehen wir auch die Schleuse noch mal von oben. Bevor es den Staudamm gab, war der Fluß hier durch die Stromschnellen quasi unpassierbar

und im Zuge der Elektrifizierung des Sowjetreichs wurde hier kräftig geklotzt.

( Lenin hatte mal gesagt: Sowjetmacht ist Kommunismus plus Elektrifizierung des Landes und das hier war wohl eines der ersten praktischen Beispiele)

Saporoschje ist so eine Art sozialistische Musterstadt gewesen, mit einem 12 km langen Prospekt (russisch für breite und lange Straße).

An diesem Prospekt stehen Wohnhäuser, die zu Stalinzeiten gebaut wurden, als Art Musterwohnungen, relativ groß im konstruktivistischen Stil ,

oder auch Stalin-Empire-Stil genannt- typisch dafür sind die hohen Torbögen, die bis zum 2. Stock gehen und durch die man in die  dahinter liegenden

Hinterhöfe und Häuser kommt.

Diese bessere Wohngegend (die Wohungen sind ca. 50 Quadratmeter groß und auch recht hoch) wird durch zwei Türme begrenzt,

dann folgen die Häuser, die zu Chruschtschow- Zeiten gebaut wurden, die sind kleiner, ca. 30 Quadratmeter groß und schwer reparaturbedürftig.

Nach 1991 wurden die Wohnungen für einen symbolischen Betrag an die Bewohner verkauft, Ludmilla erzählt, dass so mancher seine gute

Stalin-Wohnung in Wodka umgesetzt hat, beziehungsweise so viel gesoffen hat, dass er in immer kleinere Wohnung umziehen mußte -

Endstation war dann oft das kleine Häuschen auf dem Dorf.

Am Stadtstrand von Saporoschje tummelt sich die Jugend, die Jungs machen sich einen Spaß daraus, von der Fußgängerbrücke,

die zum Kai führt, runterzuspringen.

( DasFoto ist aber nicht in Saporoschke gemacht )

Wir kommen nun in den Unterlauf des Dnjepr und in die Steppengegend, die sehr fruchtbar ist.

Hier wächst quasi alles, trotz Steppe.

Abends passieren wir ein Atomkraftwerk, riesige  Stromleitungen hängen über dem Fluß´und wir sind froh, als wir das passiert haben.

Auch heute abend ist ein laues Lüftchen und ohne Mücken. Auf  dem Schiff sind auch einige Ukrainer und die haben heute beschlossen,

eine Ukrainerdisco zu veranstalten. Sie haben auch eine eigene Anlage mitgebracht, weil die Schiffslautsprecher doch etwas schepprig klingen.

Die Mischung geht von Blue System bis hin zu ukrainischen Popsongs und nicht nur die Ukrainer tanzen unter dem Sternenhimmel.

 

 

Freitag, 18. August

Heute nacht passieren wir  bei Nowa-Kachowa  wieder eine Schleuse, hier durfte wohl der Steuermannazubi das Schiff in die Schleuse steuern,

das Schiff knallt andauernd an die Schleusenwände.

Wir befinden uns nun im Delta, eine wunderschöne Landschaft mit schilfbewachsenem Ufer, wir sehen Reiher und Enten und ab und zu kleine

Fischerboote. Unter uns schwimmen Hechte, Karpfen und 3 m lange Welse.

Zeit, ein paar Worte über das Schiff zu verlieren.

Die MS Watutin, benannt nach einem ukrainischen General, der 1944 maßgeblich an der Befreiung Kiews mitgewirkt hat, ist  129 m lang,

16,70 m breit, hat einen Tiefgang von 2,90m  und faßt 280 Passagiere. Sie hat die Kategorie M für Eis einschließlich Ladoga- und Onegasee.

Sie wird von 3 Viertaktdieselmotoren mit jeweils 1000 PS angetrieben und hat drei fünfflügelige Propeller und ein Bugstrahlruder mit Verstellpropeller.

Die Deutschen sind in der Mehrheit, es sind aber auch viele Österreicher und Holländer an Bord und Kanadier und Ukrainer gibt es auch.

Auch Ukrainer finden, daß Klimaanlagen eine prima Errungenschaft sind und so sitze ich mit Sweatshirt in der vorderen Bar mit der Superaussicht,

um meinen Bericht auf dem Schlepptop zu schreiben, während draußen die Menschen in Badeanzügen liegen.

Bodo, der Reiseleiter, hat vorhin bei der Kellnerin einen Glühwein, eine Heizdecke und einen Schal geordert.

 

Das Essen: wurde ja teilweise schon beschrieben, das ist, was die Ukrainer sich unter internationaler Küche mit ukrainischen Elementen vorstellen.

Gestern mittag haben wir aber gemotzt, das muß der Tag für die Magenkranken gewesen sein - Huhn mit weißer Sauce, das war nun

Seniorenschonkost vom Feinsten.

Abends gab es dafür Fleisch auf französische Art, das war dann plattgeklopptes Rindersteak mit Tomaten und Käse überbacken.

Was aber immer sehr lecker ist, ist das Frühstück. Wenn es keine Quarkplinsen oder Blini  oder mit Apfelkompott gefüllte Pfannkuchen gibt,

dekoriere ich halt das Frühstücksei mit Smetana (saure Sahne).

Der Patissier muß mal einen Kurs Ende der 80-er Jahre in irgendwelchen Sternerestaurants gemacht haben, um die Blätterteigteilchen sind

immer sehr kunstvolle Dekorationen mit Schokolade oder Himbeersauce gemacht, die noch mit einem Minzeblatt getoppt sind.

Das Schweinefleisch, das es hier sehr oft gibt, ist schmackhafter als zu Hause, hängt uns aber irgendwann zum Hals raus.

Jetzt, gegen 11 Uhr sind wir schon im Schwarzen Meer, es kommen uns etliche Schiffe entgegen, alle mit Kurs auf den Dnjepr.

In der Bar knallen schon die ersten Sektkorken.

 

Spruch des Tages: eine etwas einfach strukturiertere Frau mit Bäckereifachverkäuferinnenfrisur ( so eine Art Pudelfrisur )fragt einen Kellner:

"Arbeiten Sie nur hier im Restaurant oder müssen Sie auch auf dem Schiff arbeiten?"

Ich verkneife mir den Lachanfall, bis ich auf der Kabine bin.

 

 

Wir legen  kurz vor 16 Uhr in Odessa an, die Gegend vorher war eher langweilig und vor Odessa sehen wir dann die Werften und die

Kräne des Güterhafens.

Die Stadtrundfahrt verläuft wie  letztes Jahr: Treppe, Gang über den Prachtboulevard, Puschkin-Denkmal, die diversen Museen von außen

und die Oper wird jetzt innen fertig renoviert. Auch der übliche Konservatoriumsschüler steht da und spielt O sole mio.

Wahrscheinlich deswegen, weil man dann abbrechen kann, wenn sich die Reisegruppe in Bewegung setzt und man ihr dann an anderer

Stelle auflauern kann. Klassiker kämen da nicht so gut.

Dann geht die Stadtrundfahrt weiter  in Richtung Strand und Sanatorien. Hier werden ein paar luxuriöse Hochhäuser gebaut,

so ähnlich wie in Miami, nur niedriger. Wir fahren auch an dem Filmstudio vorbei, in dem "Panzerkreuzer Potemkin" gedreht wurde.

Dann geht es aber ins pralle Leben, wir halten mitten in der Stadt und dürfen frei herumlaufen.

Die berühmten Passagen werden geentert, auf den Straßen ist reges Treiben.

Jetzt weiß ich wenigstens, wo ich mich morgen orientieren kann.

In einem Lebensmittelladen, in dem es hauptsächlich Flüssiges zu kaufen gibt, trifft man dann das halbe Schiff.

Nach dem Abendessen beschließen Margret und ich, uns Odessa bei Nacht anzusehen.

Hier steppt der Bär, aber hallo! Alles ist auf der Straße, da Ludmilla uns empfohlen hat, immer mal in die Hinterhöfe reinzugucken,

machen wir das auch- wir gucken natürlich erst mal da rein, wo es zum Puff geht, Margret hat ein sicheres Auge für so was.

Die Restaurants sind knallvoll und wir setzen uns in ein Straßencafé und beobachten die Vorbeiflanierenden, die sehr phantasievoll gekleidet sind.

Junge Ukrainerinnen bewegen sich zielsicher in Stilettos, und das bei den vielen Löchern im Asphalt!

Ihre Röcke sind breitere Gürtel und auch bei Dekolleté wird nicht gegeizt. Außerdem ist dieses Jahr die  Blusenmode eher durchsichtig.

Die Frauen sind auch alle sehr schlank und wir sinnieren darüber, wann sie dann auseinandergehen.

Bodo hat die Erklärung parat: wenn sie sich einen möglichst gut verdienen Mann geangelt haben.

Damit unsere Daheimgebliebenen sich keine unnötigen Sorgen machen, gehen wir gegen halb zehn wieder zurück zum Schiff

und sitzen dann noch sehr fröhlich an Deck zusammen.

Es gibt ja auf jedem Dampfer auffällige Passagiere, wir haben ein Lieblingspärchen, sie ist so Mitte 40, er doch erheblich jünger.

Der Clou bei den beiden ist, daß sie manchmal im Speisesaal oder auch draußen an Deck eine Plüschmaus dabei haben,

die den beiden beim Kir Royal -Trinken zugucken darf.

Wir überlegen an einem Spitznamen für dieses schnuckelige Pärchen, kommen aber außer dem Arbeitstitel Kir Royal  zu keinem Ergebnis.

Margret kündigt an, daß die beiden ab sofort unter ihrer verschärften Beobachtung stehen werden.

 

 

Samstag, 19. August

Margret und Helmut sitzen heute beim Frühstück mit irgendwelchen lustigen Holländern, auch die haben unser Pärchen unter Beobachtung

und schlagen vor, daß wir uns alle mit Plüschmäusen ausstatten und die in das Restaurant mitnehmen.

Wir stürzen uns ins pralle Leben, beim Weg in die Stadt erzählt Margret, daß sie heute Nacht die Eingebung für einen Spitznamen für unser

Pärchen hatte: Kira und Rolli. Ich finde das genial.

Da wir den Trolleybus Nr. 5 nicht finden, nehmen wir uns ein Taxi bis zum Markt.

Dann trennen wir uns, ich muß nämlich erst mal zum Bahnhof, Atmosphäre schnuppern.

Menschen aus der Provinz schleppen sich mit schweren Koffern und den karierten Plastiktaschen ab.

Menschen, die in Odessa wohnen, müssen immer damit rechnen, von der Verwandtschaft heimgesucht zu werden, weil es hier einfach zu schön

ist und die Strände auch bequem mit der Straßenbahn Nummer 5 zu erreichen sind.

Auch heute muß ein höherer kirchlicher Feiertag sein, von der Maria-Erlöser Kathedrale ertönt Geläut und es gibt das gleiche Bild wie in Kiew.

Aber diesmal stehen zum Teil abenteuerlich aussehende Popen draußen, schwenken Gegenstände, die  wie Putzfeudel aussehen in

Weihwasser und bespritzen damit die Gläubigen. Ich bekomme auch eine orthodoxe Dusche ab.

Dann ist aber endgültig Markthalle oder Bazar angesagt. Es ist ein wildes Durcheinander, das sicher seine innere Ordnung hat.

Der Wirtschaftskontrolldienst hätte hier seine helle Freude.

In der Milchprodukteabteilung kauft eine typische Odessiterin (aufgedonnert mit toupierter Frisur und stark geschminkt und für einen

Samstagmorgeneinkauf etwas overdressed) ein. Damit der kleine Hundeliebling sich in seinem Körbchen nicht einsam fühlt, darf er

mit auf die Verkaufstheke.

Ich erwerbe eine Gewürzmischung, um das manchmal etwas an Seniorenschonkost erinnernde Essen aufzupeppen.

Da ich Zeit habe, beschließe ich, den Weg zurück zu Fuß zu laufen, weil ich einfach ein besseres Gefühl für die Stadt bekommen möchte.

Ich laufe durch die Straßen, die vorausschauend mit hohen Bäumen geplant wurden und im Schatten der Platanen lassen sich die 35 Grad

auch gut aushalten.

Die Stadtplaner hatten noch mehr gute Ideen, z.B. die Straßen, die zum Hafen führen, mit Bäumen, die große Blätter haben, zu bepflanzen.

Das sollte den besoffenen Matrosen die Orientierung erleichtern und auch nüchternen Touristinnen hilft das weiter.

Ich laufe an der zur Zeit geschlossenen Synagoge vorbei und an der Philharmonie bis ich die Kuppel der Oper sehe und dann auch weiß, wo ich genau bin.

Zum Mittagessen gibt es heute als Vorspeise Lachs und roten Kaviar, aber der Boeuf Stroganoff bedarf der Nachwürzung und alle freuen sich,

als ich meine Gewürzmischung auspacke.

 

Nachmittags Brückenbesichtigung, das Schiff ist 1989 in Boizenburg gebaut worden.

Wenn alle 3 1000-PS-Motoren in Betrieb sind, macht das Schiff 26 Stundenkilometer (richtig gelesen, keine Angabe in Knoten).

Ich muß noch ein paar Worte zur Kabine verlieren. Sie hat 13 Quadratmeter und zwei Betten, zwischen denen eine Art Campingtisch steht.

Dieser löst bei mir zuerst die Befürchtung aus, daß wir uns beim nächtlichen Umdrehen heftige blaue Flecken holen werden.

Den Dreh, wie man das vermeidet, hat man dann aber nach zwei Nächten drauf.

Die Naßzelle besteht aus Lokus und Waschbecken, Wasserhahn, den man herausziehen kann und der dann als Dusche fungiert.

Man muß dann nur darauf achten, den orangefarbenen Duschvorhang, der Toilette und Bad trennt, zuzuziehen, weil sonst das Klopapier naß wird.

Als unsere Toilettenspülung defekt ist, ich bekomme von der Spülung eine Dusche des verlängerten Rückens, rückt nach meiner Bitte um Beseitigung des

Problems ziemlich umgehend ein Mechaniker mit heftigem russischem Gerät an und behebt das Problem.

Ansonsten ist das Schiff mit der robusten Technik des ehemaligen Ostblocks ausgestattet, es gibt das Bordradio,

das morgens ab 6:45 sendet, das man aber mit einem Schalter auch ausmachen kann.

Die Staubsauger, die auf der Scholochow ( das war eine Reise 1994) noch "Raketa" hießen, sind hier von Philips.

                                                                                                        

Sonntag, 20. August

Tagesprogramm:

6:30 Der fröhliche Wecker von Radio Watutin holt sie sanft aus dem Schlaf.

Ich stehe um 7:45 auf, weil die Einfahrt nach Sewastopol so doll sein soll. Hier gibt es dann Musik, die man nicht abstellen kann und will,

das Militärorchester der Marine spielt auf.

Zumindest die Aussicht ist es, diverse Paläste, das sieht hier aus wie KuK Seebäderarchitektur.

Um 9 Uhr dann Fahrt zu den Ruinen von Chersones, ein griechischer Stadtstaat, der auch UNESCO Weltkulturerbe ist.

Besonders eindrücklich sind die Schilderungen Ludmillas, die Vorratshaltung von gesalzenen Fischen und daraus resultierenden Gerüchen betreffend.

Es gibt auch einen Strand, an dem sich die Russen tummeln. Eigentlich ist das verboten, aber das Wasser ist hier sauberer als in den diversen

Buchten von Sewastopol. An der Bucht hängt eine Glocke, die aus Kanonen geschmolzen wurde, dann schon mal in der Notre Dame hing und dann

dem Zar zurückgegeben wurde. Das Hin und Her gab ihr dann aber den Rest und so hängt sie da als Denkmal.

In der Kathedrale ist ein Foto, auf dem Putin und Kutschma beide mit Grinsegesichtern unter der Glocke stehen.

Schade, dass sie da nicht runtergefallen ist.

Hier steht eine Wladimir-Kathedrale (die zerstört war und erst 1999 wieder aufgebaut wurde), in der kleine Kinder heute gesegnet werden,

die Babies bekommen Honig in und um den Mund geschmiert und hinterher Wasser zu trinken.

Ludmilla kennt diese Bräuche alle nicht, sie ist ca. 50 und im Geiste der Sowjetunion erzogen. Sie weiß aber, daß Christi Erlöser drei Wochen

lang gefeiert wird, jede Woche wird was anderes gesegnet und heute sind die Kinder dran.

In der anderen Wladimir-Kathedrale in der Stadt kann man das noch besser verfolgen, hier werden die älteren Kinder komplett bis auf das Windelpaket

ausgezogen und dann kniet der Pope vor ihnen nieder und bestreicht ihnen mit einem (vorher in Weihwasser getauchten) Pinselchen Füße und Bauch.

Da die Russen Fotos machen und filmen, halte ich das auch mal fest.

In Sewastopol, das erst seit ein paar Jahren zugänglich ist, hat die russische Marine einen Riesenstützpunkt.

Die Bevölkerung ist hier zu 65 % russisch und es gibt diverse Probleme, u.a. weil man ukrainisch als offizielle Sprache in den Schulen einführen möchte.

Ein weiteres Problem stellen die Krimtartaren dar, die von Stalin wegen Kollaboration mit den Deutschen nach Usbekistan und Kasachstan verbannt

wurden und die nun zurückkehren dürfen. Letzte Woche gab es handgreifliche Auseinandersetzungen, weil Russen einen Markt auf einem ehemaligen

Tartarenfriedhof errichten wollen.

In Sewastopol und Umgebung gibt es ca. 1000 Denkmäler, weil das hier sehr geschichtsträchtiger Boden ist. Da kommt selbst Ludmilla nicht mehr mit Erklärungen nach…

 

Abends um 18 Uhr legt das Schiff, das neben uns am Kai lag ab und wir haben die volle Aussicht.

Der Passagier aus Hamburg, der Segler ist, macht fachmännische Bemerkungen dazu, daß die Mannschaft die Regeln etwas lax handhabt,

z.T. keine Sicherheitsschuhe an und keine Helme aufhat.

Im Speisesaal ertönt auf einmal Akkordeonmusik und Gesang und wir vermuten, daß jemand Geburtstag hat. Ich gehe gucken und breche beinahe zusammen,

es ist Rolli, der sich zur Feier des Tages in einen schwarzen Anzug mit roter Fliege geworfen hat. Kira ist in ein schwarzes Flatterkleid gehüllt,

nur Maus hat nichts Festliches an.

Abends machen wir einen Ausflug auf die Uferpromenade, hier ist jede Menge los. Flanierendes Jungvolk, jede Menge Büdchen mit allem Kitsch,

den der Mensch nicht braucht, mehrere "Haut-den -Lukas" Stände, die merkwürdige Geräusche machen, wie z.B. das Muhen einer Kuh und wir setzen uns in eine

Freiluftkneipe und kriegen es sogar fertig, Weißwein zu bestellen.

 

Montag, 21. August

Die ganze Meute macht heute den Ausflug nach Jalta, den wir uns diesmal schenken.

Ich erkunde Sewastopol bei 32 Grad bereits um 9 Uhr und in dem alten Postamt, in dem es Internet-PCs gibt, ist es gut klimatisiert.

Die Verständigung ist etwas schwierig, als ich englisch spreche, meint der junge Mann, ich sollte mit ihm englisch reden .Darauf sage ich,

daß ich das bereits täte und dann meinte er, ich solle langsamer sprechen.

Da Helmut heute Geburtstag hat, beschließen wir, außerhalb zu essen, ich habe den Job, mich um ein Restaurant zu kümmern.

Das ist nun nicht weiter schwierig, weil an unserer Anlegestelle einige Restaurants sind. Ich marschiere ins Kalipso, das zu meinem großen Entzücken

auch eine Speisekarte mit englischer Übersetzung hat und reserviere einen Tisch, man weiß ja nie.

Tagsüber faul, wir genießen die Ruhe an Deck, die teilweise von den Baustellengeräuschen ( hier werden die freien Flächen gerade mit neuen Restaurants zugebaut)

unterbrochen wird und ab und zu kommt die Fähre mit dem schönen Namen "Metallist" vorbei.

Abends entern wir dann das Restaurant, ich ahne schon, daß das mit der Verständigung lustig werden wird, der Kellner spricht nur rudimentär englisch,

aber man kann ja auf die entsprechenden Gerichte in der Speisekarte zeigen.

 

Ich biete an, die Speisekarte zu übersetzen, wenn nötig, scheitere aber an den diversen Fischsorten, die ich nicht kenne.

Die lieben Mitmenschen kommen auch noch auf die ganz grandiose Idee, ob man nicht eine gemischte Fischplatte bestellen könne.

Das haut nicht hin, also bestellen wir alle verschiedene Fische wie Mullet und Sturgeon und sie schmecken alle gut. Als Vorspeise ordern wir alle

Kalipsosalat, bestehend aus verschiedenen Muscheln, Salatblättern und Ei mit Mayodressing. Die Preise für die Vorspeisen liegen bei 21 Griwna

und die Hauptgerichte bewegen sich zwischen 26 bis 35 Griwna. Die Beilagen muß man wie in Italien extra bestellen.

Zum Nachtisch gibt es für Helmut eine besondere Überraschung, die benachbarte Disco wirbt mit Mädchen, die so eine Art Tabledance

um die Bäume herum veranstalten.

 

Dienstag, 22. August

 

Heute gibt es den Ausflug zum Soldatenfriedhof, den wir uns schenken.

Markt ist angesagt, die Märkte sind überall ähnlich aufgebaut, es gibt die Molkereiabteilung, die Fleischabteilung; die Gemüseabteilung und die

Haushaltswarenabteilung- aber es ist immer wieder pittoresk.

Die Salzgurken werden mit Pinselchen, die auch schon sauberere Tage gesehen haben, und Salzlake bestrichen.

Eine Verkäuferin fällt unter den Babuschkas besonders auf, sie ist ca. 60, hat eine Frisur wie ein Vogelnest und ein knallgelbes Kleid mit großen

schwarzen Tupfen und einem Riesenausschnitt an; Helmut vermutet, daß die Dame nachts in einer Bar arbeitet.

Wir sehen eine Frucht, die sehr schön und pittoresk aussieht- die erste Frucht, die wir nicht erkennen - auf Nachfrage wird uns später erklärt,

daß es sich um einen indischen Granatapfel handelte.

Wir decken uns mit diversen Samen ein, wie z..B. schwarzlila Tomaten und rotem Basilikum.

Ansonsten faul, um 17 Uhr dann laufen wir pünktlich aus.

Ich stehe neben unseren Lieblingspassagieren, auch Maus darf beim Auslaufen zugucken und Rollis Ausführungen, wie er seiner Kira Sewastopol erklärt,

lauschen.

Abends liest Ludmilla russische Märchen vor, bei einem Märchen von Puschkin verlieren meine lieben Freunde so leicht den Überblick und möchten auch

keine Kurzfassung von mir hören.

 

 

Mittwoch, 23. August

 

Heute morgen faul. Bis um 14 Uhr auch kein Programm für mich.

Das Schiff bietet heute einen Vortrag von Alexander über die momentane Situation der Ukraine.

Es gibt noch Vorträge zur ukrainischen Gebrauchskunst und eine Kuchendegustation.

Wir sind in Cherson, einer von Werften geprägten Stadt, in der aber offensichtlich Werksferien sind, weil sich so gar nichts bewegt.

Wir liegen auf Reede und werden von zwei Booten zur Inselbesichtigung gefahren. Wir fahren eine Stunde in wunderschöner Landschaft mit viel

Schilf, Seerosen und Datschen mit Stegen. Badende Ukrainer winken uns zu und bedeuten uns, auch ins Wasser zu springen.

Die Angler dagegen finden unseren Ausflug nicht so gut.

Stop ist nach einer Stunde und es werden allerlei Waren feilgeboten.

Von Tischdecken über Pelzmützen und Stolen und die Produkte des Gartens von Himbeeren, Tomaten und Äpfeln.

Besonders pittoresk sind die Stände, die von den Babuschkas betreut werden und an denen Wodka verkauft wird.

Zur Wodkadegustation werden Käsebrote, leckere Salzgurken und natürlich Wodka gereicht. Ich kaufe einen, ohne zu probieren und verlasse

mich auf das Urteil der Mitreisenden.

Die alte Frau am Stand spricht sogar ein wenig deutsch und hat ihren fünfjährigen Enkel dabei, der auch mal vom Wodka probiert.

Im Moment sitze ich wieder in der Panoramabar, weil draußen die Wespen nerven.

Vorher wurde der Mast eingeholt, weil wir wieder die niedrigsten Brücken passieren.

Drei Matrosen ringen den Mast buchstäblich nieder und ein Offizier beaufsichtigt das Ganze.

 

Donnerstag, 24. August

 

Morgens hören wir Alexander zu, der etwas zu den gegenwärtigen Problemen der Ukraine erzählt.

Es ist alles schon recht deprimierend und man wundert sich permanent, wie die Menschen so zurechtkommen.

Nachmittags ist das Raketenmuseum in Dnjepropetrowsk angesagt. D. ist die drittgrößte Stadt der Ukraine mit anderthalb Millionen

Einwohnern und der Anblick des Hafengebäudes und der umliegenden Häuser läßt erahnen, daß dies auch so eine Art sozialistischer Musterstadt ist.

Die Stadt war bis 1992 wegen der Raketenindustrie komplett gesperrt. Bei den Flußkreuzfahrten, die es damals schon gab, fuhren die Schiffe hier

dann nachts vorbei, aber aufgeweckte Passagiere fragten doch immer wieder, was das denn für eine große Stadt sei. Gespenstisch.

In der Innenstadt sieht es dann nicht mehr ganz so schlimm aus. Das liegt daran, daß auch diese Stadt auf Veranlassung Katharinas der

Großen gegründet wurde und ihr Geliebter und Stadtplaner Potemkin hier zugange war.

Die üblichen Denkmäler, hier fällt noch ein T 34 Panzer besonders auf.

Auch hier gibt es ähnlich wie in Saporoschje viel Schwerindustrie. Im Raketenmuseum gehen wir erst in den Hof, wo eine SS 17

( eine Rakete mit Atomsprengkopf, der aber zwischenzeitlich entfernt wurde) liegt, dann das Flugzeug, mit dem Gary Powers in den 60ern abgeschossen wurde

und dann liegt da auch noch ein Antrieb einer V2 Rakete.

Im Museum selber bekommen wir Raketenmodelle zu sehen, was ich eher langweilig finde, aber interessant finde ich die verschiedenen Satelliten.

Zum Schluss werden noch Anstecker erworben, mit Juri Gagarin, Lenin und einem Modell der Konkordski ( das war der sowjetische Nachbau der Concorde,

einer der Maschinen fiel 1971 bei der Luftfahrtschau in Paris spektakulär herunter und wurde meines Wissens nie in Betrieb genommen).

 

Beim Völkerkundemuseum fotografieren wir noch 5 - 6000 Jahre alte Steinfiguren, die früher auf den Gräbern der Nomaden standen.

Danach dürfen wir noch ein bißchen in der Stadt herumlaufen, es ist Nationalfeiertag und das Jungvolk treibt sich auf dem zentralen Platz herum.

Die Jünglinge, die hier immer eher unscheinbar aussehen sind eifrige Konsumenten der Buden, die hauptsächlich Bier verkaufen und die Mädels

sind hier nicht ganz so aufreizend gekleidet wie in Odessa und Sewastopol. Es gibt ein ganz neues Kaufhaus namens "Europa", in dem man für

ein Flatterkleid locker das halbe Durchschnittsgehalt von 800 Griwna raushauen kann.

Die Straßen sind zum Teil in einem erbärmlichen Zustand, vor allem das Gleisbett der Straßenbahn.

Abends sitzen wir noch draußen, es ist kühler geworden, aber da wir nicht fahren, weil wir noch von einem Streicherensemble des örtlichen Theaters

beglückt werden, geht das. Die Gerüche der Schwerindustrie erinnern an die Gerüche am linken Niederrhein der spätern 50-er Jahre.

Wir bleiben bis nach 24 Uhr auf, weil wir das Hochziehen  der Hebebrücke noch mitbekommen wollen.

Das läßt aber auf sich warten, weil doch noch etliche Züge über die Brücke donnern und einen ziemlichen Lärm veranstalten.

 

Freitag, 25. August

Flußtag, morgens passieren wir wieder eine Schleuse.

Ludmilla hält einen Vortrag über die ukrainische Küche. Margret möchte gern fragen, wie die Köche das hier hinkriegen, daß das Essen hier so nach gar nichts

schmeckt. Die in Odessa erworbene Gewürzmischung bekommt besonders den Reisgerichten und dem berüchtigten Huhn mit weißer Soße ausgesprochen gut.

Ich kann aber nicht viel dazulernen, außer daß es kalte Suppen auf Kwaßbasis gibt und ein Rezept für die Quarkplinsen kann ich auch noch mitnehmen.

Auf 49 Millionen Ukrainer kommen 9 Millionen Schweine, Speck ist hier ein Hauptnahrungsmittel. Ludmilla versucht uns einzureden, daß der ukrainische

Speck sogar cholesterinsenkend sei.

Deswegen ist die Ukraine auch das einzige Land der Welt, in dem es ein Schweinedenkmal gibt und als über die Farbe der ukrainischen Nationalflagge

diskutiert wurde, war die Farbe rosa sehr stark im Gespräch.

Ein lustiger Fehler auf der Speisekarte: Bizet mit Banane- es gab dann aber keinen Komponisten, sondern doch erwartungsgemäß ein Baiser.

Heute abend ist Käptn's Dinner, hier laufen wir alle an Viktor vorbei und heben das Glas mit dem Sowjetskoje-Sekt. Heute wird noch mal aufgefahren,

Hühnersalat, Lachs und Ketakaviar und Huhn, gefüllt mit Käse und garniert mit Ananas und Pfirsich.

Und zum Dessert wird es richtig feierlich, die Kellner stehen mit ausgehöhlten Orangen, in die ein Sternchenmuster geschnitzt ist und mit einem Teelicht gefüllt sind, Spalier.

Und dann läuft ein Kellner mit gebackenem Sibirien mit Wunderkerzen drauf (die russische Version von Baked Alaska) durch den Saal.

Hinterher riecht es wie gestern abend draußen, nämlich nach petrochemischer Industrie.

 

Auch die Bordkapelle spielt noch mal auf, die Jungs laufen durch den Saal und bei einer besonders schmalzigen Stelle von "Kalinka" schmeißt sich der

Sänger vor mich auf die Knie und durchbohrt mich mit heißen Blicken aus seinen etwas stechenden blaugrünen Augen.

Margret findet die Blicke so heiß, daß sie von mir abrückt, weil sie meint, ich hätte so eine heiße Aura, daß sie davon Wallungen bekommt.

Der Abend hat aber noch weitere Höhepunkte, das Personal hat auch noch ein paar Kunststückchen zu bieten, es wird gesungen und das Männerballett mit

Schwanensee kommt ausgesprochen gut.

Margret hat einen Tisch ergattert, an dem unsere Lieblingspassagiere sitzen.

Wir unterhalten uns ganz normal, bis Rolli irgendwann auffällt, daß Maus ja ganz allein in der Kabine sitzt.

Maus wird also geholt und dann spricht Rolli durch Maus mit uns. Wir glauben hinterher, daß er vielleicht Puppenspieler ist und Maus ein Arbeitsmittel ist.

 

 

 

Samstag , 26. August

 

Wir fahren langsam auf Kiew zu, es gibt sehr interessante Aussichten.

Steuerbord ist das Ufer bewaldet, es gibt nette kleine Buchten und angelnde Ukrainer.

Backbord haben sich die Neureichen Villen hingeklatscht, aber hallo. Es herrscht ein wilder Stilmischmasch, Villen wie im Süden der USA,

Häuser mit Türmchen und Häuser mit ganz vielen Ecken.

Das Wort Bebauungsordnung scheint es im Ukrainischen nicht zu geben und meine Kamera macht nur wiederstrebend Fotos, weil das zu wild aussieht.

Nach dem Anlegen fahren wir gleich zur Sophienkathedrale, eine Kirche, die im 11. Jahrhundert nach dem Vorbild der Hagia Sophia gebaut wurde, was

man aber von außen schwer erkennen kann.

Es wurden etliche bauliche Veränderungen vorgenommen, und ich habe auch noch nie barock gedrechselte Säulen neben einer Ikonostase gesehen.

Margret, Helmut und ich melden uns ab und stürzen uns noch ins samstägliche Getümmel von Kiew.

Ich brauche noch ein ukrainisches Kochbuch und ich finde auch eins mit englischer Übersetzung.

Die großen Straßen sind für den Autoverkehr abgesperrt und die Kiewer flanieren und lassen italienische Korsos blass aussehen.

Wir suchen den bessarabischen Markt, der in einer alten Halle untergebracht ist und kleiner ist als die Märkte, die wir sonst gesehen haben,

aber tolle Obst und Gemüsestände hat.Hier gibt es Kirschen, die so groß sind wie kleinere Pflaumen.

Dann noch Soljanka essen, Zuschauen wie ukrainische Kinder ihre Schulklamotten an Büdchen, die auf der Hauptstraße stehen,

gekauft kriegen und irgendwann qualmen die Füße.

Der letzte Abend verläuft eher besinnlich, bis die Ukrainer ihren wegen des Flugzeugunglücks ausgefallenen/ verschobenen Nationalfeiertag nachholen.

Das Feuerwerk ist vom allerfeinsten, mit roten Herzen, Kaskaden und Planeten mit Ringen.

Damit schließe ich erst mal, eine Zusammenfassung der Reise kommt dann mal irgendwann später, zum Abschluß noch schöne Kuppeln...

 

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