Kap Horn

Freitag, 23. November 2007


Wir ( Gisela und ich) fliegen von Frankfurt via Paris nach Santiago de Chile, um in Valparaiso die Infinity zu besteigen.
Der karge Snack während des Fluges nach Paris ( Mère Poulard Kekse und Tomatensaft ) wird mit dem Streik des Catering
von Air France erklärt. Merkwürdig nur, dass die Passagiere, die von München kamen, von dem Streik nicht betroffen waren.

Aber während des Landeanflugs werden wir dafür mit einem phantastischen Blick auf das nächtliche Paris belohnt,
der Eiffelturm hat besonders schöne Lichtspiele drauf und die Flugzeuge im Landeanflug hängen wie Perlen an einer
Schnur und verleiten uns trotz des schönen Anblicks dazu, über Privatisierungen der Luftraumüberwachung zu philosophieren.....
Der Transport für Giselas Rolli ist super organisiert, unsere Helfer sind superschnell und fluchen alle über Sarkozcy.
Für mich wird das Einchecken noch spannend, weil ich in Frankfurt keinen Sitzplatz zugewiesen bekommen habe,
weil zu viele Reisegruppen die Boeing 777 bevölkern, die alle zusammen sitzen möchten.
Also sitzt Gisela auf 37 D und ich auf 27 A, was bedeutet, dass ich ohne große Bemühungen in Paris einen Fensterplatz bekommen habe.
Neben mir sitzen Bayern und Österreicher, die in den Anden Paragliding machen möchten.
Einer von der Truppe möchte meinen Fensterplatz, aber der hat Pech.

Samstag, 24. November 2007

Es ist während es ganzen Fluges bedeckt, erst ca. zwei Stunden vor der Landung kann man etwas sehen.
Letztes Mal saß ich auf der rechten Seite, da sahen die Anden nicht sehr spektakulär aus - diesmal sitze ich links und da eröffnen
sich ganz andere Ausblicke, ein mit Eis gefüllter Krater- sieht super aus.



In Santiago können wir erst ab 14 Uhr ( gemäß den internationalen Vereinbarungen über Eincheckzeiten )
ins Hotel, also Stadtrundfahrt.
Es ist schon heftig, was Touristen so alles zugemutet wird, nach einem 13-Stundenflug kein Ausruhen,
sondern Stadtrundfahrt und dann noch mit einer Führerin, über die ich besser kein Wort verliere.
Sie schleppt uns vom Regierungspalast (das Beste davor ist das Allende-Denkmal) in das präkolumbianische Museum
und als wir ohne Essen um 14:30 noch auf den Aussichtspunkt geschleift werden sollen, lassen wir uns gemütlich in einem
Straßenrestaurant nieder und nehmen Papas und Palmherzensalat zu uns.
Schön an der Tour war der mit roten Coca-Cola-Luftballons verzierte Weihnachtsbaum vor der Kathedrale.
Während der Tour kommt uns noch eine rheinische Frohnatur der 56 Mann starken Reisegruppe abhanden,
der weiß aber gottseidank, dass wir im Hotel Radisson untergebracht sind und lässt sich da mit dem Taxi hinfahren.
Der gute Mann kann sich hinterher so einiges an dummen Bemerkungen anhören, nimmt es aber gelassen.
Abends in Hotel lernen wir nette Mitreisende beim Begrüßungspisco kennen, es verspricht lustig zu werden.
Dann das gewohnt gute Essen im Radisson-Hotel, ein Rotweinchen und dann ab ins Bett.

Sonntag, 25. November


Heute der Tag, auf den ich mich wie blöd gefreut hatte, die Fahrt nach Valparaiso.
Diese Stadt hatte mir letztes Jahr wegen ihres bröckeligen Charmes unheimlich gefallen.
Aber unsere Führerin karrt uns erst nach Vina del Mar zu dem Osterinselmenschen und dann in das Restaurant,
das am weitesten draußen am Strand liegt. Aber die Meeresfrüchteplatte war sehr lecker.

Dann geht es zum Schiff und meine Laune steigt schlagartig, als ich feststelle,
dass noch reichlich Zeit bis zum Ablegen bleibt und ich Valparaiso noch auf eigene Faust erkunden kann.
Aber zuerst muss mal das rote Betankungsschiff festgehalten werden und die Versorgung mit Lebensmitteln für uns.
Das erste, was gebunkert wird, sind Möhren, Kartoffeln und Bier.
Das Embarquinggebäude liegt 3 km vom Schiff entfernt, also muss ich den Bus zum Gebäude nehmen und die 3 km
wieder zurücklaufen.
Die Metro hat leider einen etwas ausgedünnten Sonntagsfahrplan, deswegen der unfreiwillige Fußmarsch.

Aber dann entdecke ich die evangelische Kirche und mache den steilen Aufstieg und dann beginnt eine Fotoorgie,
die nur von den in Südamerika allgegenwärtigen Stromleitungen gestört wird, aber die sehe ich irgendwann dann auch gelassen.


Zurück mache ich noch eine Runde am Hafen, wo es nicht so geschleckt aussieht und ich mich nachts auch
nicht unbedingt aufhalten würde.
Abends ist freie Tischauswahl im Restaurant, also lernen wir heute unsere Tischgenossen noch nicht kennen.

Montag, 26. November

Heute Seetag und zuerst die Seenotrettungsübung. Die lassen uns hier tatsächlich unter die entsprechenden Boote
aufmarschieren und dann eine halbe Stunde lang strammstehen, bis die Kommandos in den Bordsprachen englisch,
deutsch, französisch und spanisch alle durchgesagt sind.
Einige flüchten schon vorher ( wer war da wohl mit dabei ?) und werden im scharfen Amikommandoton zurechtgewiesen.
Und dann ist erst mal Relaxen angesagt, heute sind alle müde - kein Wunder nach all den Anstrengungen, langer Flug
und anderes Klima machen schlapp.

Dann mache ich mich auf, um an Bord mein Schiffstagebuch zu starten.
Aber Celebrity hat die ganze EDV-Verwaltung einer neuen Firma übertragen und der englische EDV-Etagenterrier
lässt mich mein Tagebuch nicht an Bord schreiben.
Ich betone, dass ich das letztes Jahr ohne Komplikationen und lange Diskussionen durfte und der Etagenterrier verspricht mir,
seine Vorgesetzten zu fragen.
Als ich dann noch frage, ob ich das auf meinen extra dafür erworbenen USB-Stick speichern dürfte, reagiert sie, als ob ich ihr einen
unsittlichen Antrag gemacht hätte: "USB-Sticks , NEVER !".

Ich rechne schon damit, dass sich die Dame nicht sonderlich für meine Belange einsetzen wird und behalte leider recht.
Sie macht mir auch kein anderes Angebot, mein Vorschlag, an Bord einen Laptop auch gegen Gebühr zu mieten,
wird rundwegs abgelehnt. Diese Dame wird also heute abend nicht ins Nachtgebet einschlossen, sondern darf sich
auf eine gepfefferte Beschwerde bei Celebrity-Cruises freuen.

Dann sehen wir mit Spannung unserem Tisch entgegen.
Wir sitzen mit einem Paar, sie Mitte 40, er so in unserem Alter und einem Rentnerehepaar.
Letzteres ist am nächsten Abend nicht mehr dabei, sie haben Freunde gefunden, die sie am ersten Abend gesucht hatten.
Aber vielleicht haben wir auch genervt, weil wir dem Oppa klargemacht haben, dass wir seinen Musikgeschmack
( er ist leidenschaftlicher Akkordeonspieler) nicht so unbedingt teilen.
Und dann haben wir ein paar lustige Abende mit Claudia und Erwin.
Erwin spricht nicht viel, aber wenn, dann wird's lustig.
Er wirft beispielsweise die Frage auf, ob Vegetarier Schnecken essen dürfen oder hat die lustige Idee, auf den Falklands
mit dem WM-Shirt der Argentinier herumzulaufen.


Dienstag, 27. November


Wir sind in Puerto Montt, Chile. Da wir tendern müssen, beschliesst unsere Reiseleitung, dass wir noch früher aufstehen müssen,
als schon geplant, um überall als erste dazu sein. Mit uns fährt nämlich die Norwegian Crown die gleiche Route und dann toben
immer so ca. 4000 Touristen durch die Gegend.

Das frühe Aufstehen wird mit einem fantastischen Blick auf den Fujiama Chiles, den Osorno, belohnt.


Leider hat man dem Buffetmanager vergessen zu sagen, dass wir früher ans Buffet müssen. Er sieht sich außerstande,
die Rollos´hochzuziehen, damit wir an unser Frühstück kommen können und will Diskussionen mit uns anfangen,
anstatt Teller und Futter rauszurücken.
Wahrscheinlich braucht er eine Freigabe vom chilenischen Landwirtschaftsministerium.
Also essen wir das, woran wir drankommen, also heute Müsli.

Die Reiseleiterin heute ist Ingrid, Mitte 50, eine Deutsche, die hier in den 70-ern hängen geblieben ist.
Wir befinden uns im 10. Bezirk Chiles, der Seenregion. Hier leben noch die Nachfahren vieler Deutscher,
die große Einwanderung war ab 1848 mit Segelschiffen, die von Deutschland aus 90 Tage brauchten.
Chiles damalige Regierung förderte die Einwanderung aus politischen und ökonomischen Gründen, einmal wegen
der Verteidigung gegen Argentinien und dann wollte man eben auch Landwirtschaft in dieser Gegend aufbauen.
Ingrid liest aus einem Vertrag zwischen der Regierung und den Einwanderern vor.
Die Schiffspassage dritter Klasse wurde für den Einwanderer und seine ganze Familie bezahlt.
Dafür machten die den damaligen Urwald bewohnbar und nach 5 Jahren war man einigermaßen etabliert,
so dass ein kleiner Handel mit den Feldfrüchten aufblühen konnte.

Von den Deutschen künden noch Schilder am Strassenrand wie " Honig ist gesund", als wir zu den Wasserfällen
" Saltos del Rio Petrohne " fahren. Dann machen wir noch eine einstündige Bootsfahrt über den Allerheiligensee,
die Landschaft mutet wie eine Mischung aus Schwarzwald und Alpen an.

Hier gibt es zum Teil noch keine Stromleitungen, man muss sich noch mit Generatoren behelfen.
Nach einem Mittagessen im Restaurant am See fahren wir zurück, um noch einen kurzen Stop in Puerto Varas zu machen.
Lustig sind hier die Häuser, die mit Schwarzwaldschindeln v
erkleidet sind, das Gebäude des deutschen Vereins und ein
Mineralienladen mit einem Che-Plakat an der Eingangstür.


Mittwoch, 28. November


Die Einfahrt in den Fallos-Kanal beginnt um 16 Uhr, die ca. 200 m hohen Berge sind bis auf "Gestrüppgewächs" kahl.
Wir fragen uns, wo wohl die nächste menschliche Siedlung sein mag. Die Temperaturen liegen bei 14 Grad,
so dass man es mit den entsprechenden Klamotten eine Weile draußen aushalten kann.
Ab und und zu blitzt ein schneebedeckter Gipfel hervor und ich werde etwas ungeduldig, es könnte jetzt langsam mal gerne etwas spektakulärer werden. Zwischendurch gehen wir mal in die Bibliothek, um nach einem Atlas zu sehen,
der uns die unübersichtliche Lage hier etwas transparenter macht, aber leider Fehlanzeige.
Heute ist um 21:30 Sonnenuntergang - wir erleben gerade weiße Nächte, nur eben die südliche Variante.

Donnerstag, 29. November

Heute morgen müssen einige Menschen Reisetabletten einnehmen oder sich magische Punkte hinter die Ohren kleben,
weil wir etwas Seegang haben.
Wir frühstücken heute im Restaurant mit Bedienung, anstatt uns dem Trubel am Buffet auszusetzen.
Im Restaurant werden wir an einen Tisch mit Engländern gesetzt, die wir sonst auch nie im Buffetrestaurant gesehen haben.
Wahrscheinlich, weil sie dort nämlich keine Fische mit Bratkartoffeln zum Frühstück bekommen.

Ein deutsches Paar, das schon seit Fort Lauderdale an Bord ist, erzählt von der Fahrt, dass es auf einmal eine
Kursänderung gegeben hat.
Einer der Offiziere hatte auf der Brücke ein vermeintlich in Seenot geratenes peruanisches Fischerboot gesehen
und da gebieten es die Regeln der christlichen Seefahrt, den in Not geratenen Seeleuten zu helfen.
Das vermeintliche hilferufende Winken entpuppte sich als Flop,
die peruanischen Fischer waren irgendwie missverstanden worden und versuchten danach, der " Infinity"
ihren Fischfang zu verkaufen.
Ein sinnloser Versuch, weil alle Lebensmittel, die vertrauenswürdige Lieferanten benötigen, in Florida gebunkert werden.
Es kommt die erste Warnung, sich draußen gut festzuhalten und keine Stöckelschuhe anzuziehen.

Was macht man an einem Seetag? Man geht zu einer Lecture, auf Deutsch Vortrag.
Celebrity hat einen Herrn namens Milos Radakovich
engagiert, der uns sehr unterhaltsam die marinen Vögel und Pinguine näherbringt.
Grandios ist seine Imitation einer Albatroslandung.
Diese Vögel haben es noch immer nicht in ihrem genetischen Code einprogrammiert bekommen, wie man korrekt landet.
Sie landen mit den Füssen nach vorne und müssen sich und ihr Gefieder dann erstmal neu sortieren.

Ansonsten bietet das Bordprogramm Highlights wie Vorträge " Wege zu einem strafferen Bauch."
Um 13 Uhr fahren wir pünktlich in die Magellanstrasse ein. Steuerbord sind die Berge markanter geformt als backbord,
dafür ist dort in großer schneebedeckter Berg zu sehen. Bei der Einfahrt begleiten uns Albatrosse und Kormorane,
die ihre Flugkunststücke vorführen.
Dann warte ich darauf, dass der Berg, der eigentlich ein gigantischer Gletscher ist, näherkommt.
Blitzartig macht sich dicker Nebel breit, so dass man gar nichts mehr sehen kann.
Ich will mein Geld für die Balkonkabine zurück !

Mittwoch, 30. November

Heute machen wir den Ausflug nach Punta Arenas zu der Pinguinkolonie, auch heute stehen wir für einen Urlaub
zu einer verdammt unchristlichen Zeit auf. Beim Versammeln zum Tendern im Kino werden wir darauf hingewiesen,
dass es verboten ist, irgendwelche Lebensmittel mit an Land zu nehmen. In Chile ist man derart drauf, dass es uns sogar
verboten ist, Kaugummis und Bonbons mit an Land zu nehmen. Wir philosophieren über das Reisen und über die zahlreichen
Verbote, es kann manchmal schon nerven, die Taschen permanent je nach Verbotslage aus- und umzuräumen.
Der Führer heute ist Jonathan, der gerade sein Geographiestudium in Deutschland beendet hat und hier erste Berufserfahrungen sammelt.
Er schleift uns als erstes auf den zweitschönsten Friedhof Südamerikas, dessen Wege von merkwürdig krumm geschnittenen Zypressen
gesäumt werden.
Hier gibt es unheimlich viele Mausoleen, u.a. von kroatischen und italienischen Familien, die hierhergekommen waren,
um nach Gold zu schürfen. Ein Denkmal für die "Graf Spee", wird natürlich von den deutschen Landsleuten eifrig fotografiert.
Das beste an dem Friedhof ist der knuffige Labrador, der seinen Vitaminbedarf an der Bepflanzung der Gräber deckt.
Dann fahren wir durch die sprichwörtliche Pampa zur Kolonie" Monumento natural los Pinguinos".
Auf dem Wege sehen wir Pampahasen, sehr große Hasen mit noch größeren Ohren und ein Nandu.
Das ist die südamerikanische Version eines Strauß. (Südamerikanischer Laufvogel mit 5 Buchstaben)
In der Pinguinkolonie gibt es einen Rundweg, der mehrere Aussichtspunkten hat, einen aufs Meer, wo wir aus einer
Holzhütte mit Sehschlitzen auf die Kerlchen gucken dürfen, die sich am Meer tummeln.
Viel lustiger ist aber der Rundweg, den die Menschen auf Holzbohlen entlanglaufen, und die Magellan-Pinguine watscheln daneben zu ihren
Bruthöhlen in der Pampa. Es ist es richtiges Wettrennen zwischen den Pinguinen und uns...


Punta Arenas ist die Hauptstad des 12. Bezirks Chiles, hier leben die Menschen vom Fischfang ( Meeresspinnen ),
Ölförderung, Methanolgewinnung und Schafzucht. An der Peripherie der Stadt stehen bescheidene, wettergegerbte Holzhäuser,
im Zentrum stehen zum Teil sehr schöne alte Häuser im französischen Stil.
Was mich erstaunt, ist, welch einträgliche Einnahmequelle der Tourismus hier darstellt; Jonathan sagt, dass hier in der Saison
( und die ist gerade) täglich 2 Kreuzfahrer anlegen. Hätte ich jetzt nicht gedacht, dass das hier auch schon so eine Rennstrecke ist.
In der Stadt ist ein Mittagessen für uns vorbereitet, aber ich nehme nur den ersten Gang, sehr leckere Königskrabbe mit Avocado
und probiere nur ein kleines Stück vom Lamm. Dann gehe ich lieber noch ein bisschen in der Stadt spazieren.
Die Geschäfte hier sind eher bescheiden, "Maybelline" Kosmetikprodukte, die bei uns eher dem Niedrigpreissegment zugeordnet
werden, stehen hier unter Verschluß in einer Glasvitrine. Auch die Weihnachtsdekoration hält sich sehr in Grenzen.
Abend auf dem Schiff findet der totale Kulturmix statt: wir fahren in der Magellanstrasse herum, trinken Pina Colada und hören
von Peruanern dargebrachte Wiener Cafehausmusik
"An der schönen blauen Donau" kommt in der Magellanstrasse echt gut.

Um 19:30 fahren wir von Punta Arenas südlich wieder Richtung Magellanstrasse und ich finde die Landschaft hier
spektakulärer als die Fjorde
Heute nacht fahren wir dann an der Peninsula de Brunswick vorbei durch eine sehr zerklüftete Landschaft mit vielen
kleinen Inseln, alles sehr unübersichtlich hier. Heute abend geht die Sonne um 21:48 unter.

Zu erwähnen ist auch noch der Käptns Empfang für die "Celebrity Club" Mitglieder.
Diesem Club sind wir letztes Jahr beigetreten, um Vergünstigungen wie Kabinenupgrading zu bekommen. Sonst hat man von diesem Club nicht viel, außer dem Gratisdrink.
Alle anderen Vergünstigungen sind nämlich an den Erwerb irgendwelcher "Celebrity-Cruises"-Angebote gekoppelt.

Samstag, 1. Dezember

Heute morgen ein grandioser Ausblick auf Ushuaia, der südlichsten Stadt der Welt mit ca. 60.000 Einwohnern.


Wir sehen auf den Flughafen und schneebedeckte Berge und wir liegen am Pier, was Zeit spart. Yippie!
Ich muss sofort nach dem Frühstück los und es liegen wie erhofft, einige sehr interessante Schiffe am Pier:
ein russisches Forschungsschiff, ein supermoderner Norweger namens Fram und die "Endeavour" von National Geographic.
Ein saukalter, zum Teil sehr böiger Wind pfeift und ich bin sehr froh um meine Wollmütze. Es herrscht reges Treiben am Hafen,
die Feuerwehr macht Sicherheitschecks, es wird beladen , was das Zeug hält - die Schiffe brechen gerade wohl alle zu einer Antarktisexpedition auf.
Aufgebrochen sind auch einige von uns zu Rundflügen. Bin ich froh, dass ich das nicht gebucht habe, bei den Böen möchte ich hier nicht in einer Cessna herumschaukeln.

Ich bin absolut fasziniert, als ich das Ortsschild von Ushuaia am Pier sehe, die Entfernung in die Antarktis beträgt nur noch 1.000 km -
nach Punta Arenas, wo wir gerade herkommen, sind es 1.180 km.

Im Städtchen ein reges Samstagstreiben von Einheimischen und Touristen, entlang der Schlaglochstrasse gibt es sehr viele

Geschäfte, auch mit gehobeneren Markenprodukten. Ich erwerbe Heidelbeermarmelade und muss mich beeilen, weil unser
Ausflug in den Nationalpark Feuerland um 12.45 beginnt. Tommy, ein argentinischer Naturbursche mit deutsch-schweizerischen
Wurzeln führt uns heute.
Im Park, zu dem auch eine Eisenbahn führt, geht es zuerst zu einem Süßwassersee, der durch die Böen stürmischer ist als die See.
Wir sehen Magellangänse, die immer paarweise auftreten und nicht weglaufen und dicke, importierte Kaninchen, die im Gras sitzen
und genüßlich vor sich hinmümmeln.
Am See befindet sich das südlichste Postamt der Welt, das von Carlos, einem echten Komiker betrieben wird.
Er hat die Seeinsel zu seiner Republik ausgerufen und gegen die Gebühr von einem Dollar bekommt jeder, der will ,
einen Pass der " Isla Redonda".
Dann spazieren wir über einen unheimlich weichen Boden zu einem Restaurant mit Campingplatz ( ich möchte hier bei den
Temperaturen nicht zelten wollen, hier wird es auch im Sommer nicht wärmer als 12 bis 15 Grad ) und Grill.
Ein mitreisender Schwabe muss die argentinischen roten Würste mit scharfer Salsa probieren, die sein Gefallen findet.
Zum Schluß betrachten wir noch einen Biberdamm und kommen zu der Erkenntnis, dass nicht nur Menschen die Umwelt kaputtmachen.
Ach ja, Umwelt, ich habe schon lange nicht mehr so viele Enten gesehen, damit sind diese französischen Autos gemeint, die in den 70-ern sehr populär waren. Die machen hier doch glatt eine Entenrallye.

Am Ende der Tour zieht es sich zu und wir sehen einen sehr flachen Regenbogen.
Heute abend fahren wir durch den Beagle-Kanal, den auch schon Charles Darwin durchquert hat, raus.
Der Kanal hat seinen Namen von der Spürhundrasse,von denen einige Exemplare auf die Darwinsche Tour mitgenommen wurden.
Man sieht nach 1 1/2 Stunden immer noch vereinzelte Häuser und ich frage mich, ob diese Menschen alle nach Ushuaia zum Arbeiten
reinfahren. Auf dem Beagle-Kanal gibt es einen längeren technischen Stop, der auch vom Käptn angekündigt wurde.
Wissbegierig, wie ich bin, will ich wissen, warum. Ein Kellner tut treuherzig kund, dass es Probleme mit den Maschinen gäbe
und die gecheckt würden.
Hmpf, beruhigend, wenn man Kap Horn umrunden will.
Dann frage ich spaßeshalber mal die Oberkellnerin. Die meint, dass das wegen des Ausfüllens für die Papiere für die Kap Horn-
Umrundung sei und den Lotsen an Bord zu lassen. Es hat bloß keiner ein Lotsenboot gesehen.
Wir verzichten auf weitere Befragungen, weil wir uns denken, dass die einfach Liegegebühren in Ushuia sparen wollten.
Weitere Erklärungen wären schon interessant gewesen, nach diesen ersten kreativen Ansätzen.
Bei uns am Tisch wird weiter munter spekuliert, welche Szenen sich abspielen, wenn
beispielsweise einer gerade im Casino gewonnen hat und dann feststellen muss, dass er absäuft.
Wir beschließen, cool zu bleiben, erst wenn die Hubschrauber von CNN via "Breaking News :
Sinking Ship in the Beagle Canal" um uns herumkreisen, werden wir uns Gedanken machen.

Sonntag, 2. Dezember

Heute nun der spannende Tag der Kap Horn-Umrundung.
Wir lassen uns um 7:45 wecken, damit wir ja nichts verpassen.
Kap Horn, Traum und Alptraum jedes Seefahrers der Vergangenheit."
Kap Horn ist eine Inselgruppe und erstreckt sich bis in die antarktische Drakestrasse, die den Südatlantik und den Südpazifik

miteinander verbindet. Seinen Namen verdanken die Inseln dem holländischen Seemann van Schouten, der sie nach seinem Geburtsort
( Hoorn, daher auch die unterschiedlichen Schreibweisen) benannte.
Und pünktlich um 8:00 passieren wir die ersten Felsen mit der Südpsitze - der Dampfer wird ganz langsam an den Felsen
mit dem Leuchtturm manövriert.

Es ist sonnig und die See ist ruhig und ich empfinde es als merkwürdig unspektakulär, wenn man
die ganzen Geschichten im Hinterkopf hat, was sich hier für Dramen abgespielt haben.
Nach dem Frühstück, das heute ganz schnell heruntergeschlungen wird, gehe ich dann raus -
ein eisiger Wind pfeift, als wir den chilenischen Außenposten passieren. Hier ist ein Denkmal für die ertrunkenen Seeleute
und eine einsame Außenstation, deren Insassen mir herzlich leid tun.
Dann wird es mir zu kalt und ich begebe mich auf das Constellation-Deck und ergattere einen Fensterplatz ganz vorne.
Und dann gucke ich fasziniert zu, wie lange Wellen von Süden kommen und uns seitwärts schaukeln lassen.
Dann fahren wir in eine richtig dunkle Wolke , es regnet und ich finde es saugemütlich.
Es hat den Anschein, als ob der Kahn zwischen zwei Inseln hindurchfahren möchte, was ich spannend finde, weil
da nämlich noch was dazwischen aufragt, was das Schiff ernsthaft beschädigen könnte.
Macht der Käptn dann aber doch nicht, sondern schlägt den Kurs der
"Norwegian Dream " ein, die auch schon wieder da ist. bzw. wie ein Geisterschiff auf einmal aus dem Nebel aufgetaucht ist.

Ich habe gerade einen der wildesten Punkte der Erde passiert und fand es eigentlich eher unspektakulär.
Und auf einmal ist alles um 11:00 schlagartig vorbei, das merkt man daran, daß ein blonder texanischer Bauerntrampel
meine weihevolle maritime Stimmung den Constellation Club mit seiner Quäkstimme und mit Bingo stört.
Nachmittags gehe ich ins Kino, "Der Teufel trägt Prada" kann man sich guten Gewissens nochmal auf englisch anschauen.

Montag, 3. Dezember

Heute faul, den ganzen Tag kämpfe ich gegen Schläfrigkeit an. Das muss der Seegang sein, andere Passagiere
hegen die Vermutung, dass den Getränken Sedativa beigemischt werden. Abends wird es dann ein bisschen doller,
erst kommen die Wellen von der Seite und dann von hinten. Das macht empfindlichen Gemütern zu schaffen, die beim Essen immer rausgucken und das voll mitkriegen.

Der lustige balinesische Kellner gibt Gisela ein paar Kekse mit auf den Heimweg, damit sie nicht verhungert - sie möchte den Hauptgang nämlich nicht nachträglich auf die Kabine serviert bekommen.
Mir macht das nix, mich nervt nur der Wind, der derart pfeift, dass er noch durch die geschlossene Balkontür unangenehme Geräusche
verursacht.

Zum Restaurant müssen noch ein paar Bemerkungen gemacht werden. Michel Roux, der französische 3-Sterne-Koch hat Celebrity-Cruises seine Mitarbeit aufgekündigt, was man aber nicht direkt merkt, das gute Niveau des Essens wurde beibehalten.
Wir haben einen Platz ganz hinten, was toll ist, weil wir bei den offenen Vorhängen abends immer schön rausgucken können.
Der Abend beginnt immer mit dem Kampf, wer schneller beim Hinsetzen ist - ich oder der Kellner, der einem den Stuhl derart in die Kniekehlen rammt, dass blaue Flecken zu befürchten sind.
Wir sitzen aber auch neben einer der Servicestationen, in denen das Essen von der Küche zwischengelagert wird.
Am Anfang empfinden wir das als etwas störend, weil lärmig und welcher Passagier möchte es schon gerne sehen, wenn die
Spaghetti Carbonara sich allerliebst auf dem Boden kringeln und die Kellner versuchen, darauf nicht auszurutschen.
Aber irgendwann haben die Jungs das auch im Griff.


Dienstag, 4. Dezember

Um 8 Uhr pünktlich Ankerwerfen in der Bucht von Port Stanley, Falklands. Es wird ein etwas zeitaufwändigeres Tendern vorhergesagt,
weil der Seegang etwas heftiger ist. Ich habe Glück und schaffe es in beiden Richtungen in 20 Minuten, allerdings gestaltet sich das schon recht sportlich.
Und dann betrete ich die Falklands, über die die "Stuttgarter Zeitung im März zum 25. Jahrestag des Krieges in einem Artikel titelte:
"Pinguine, Darts und dicke Frauen". Sonst nix los und die Frauen sind so dick, weil sie aus Frust nur essen.
In besagtem Artikel war als eine der Sehenswürdigkeiten der Garten von Kay Mc Callum erwähnt, in dem sich ca. 70 Gartenzwerge tummeln.
Den möchte ich finden und schaffe das auch.

Zu Ehren der Briten habe ich mein "Queen Elizabeth2 "-Sweatshirt angezogen, was aber keiner
bemerkt, weil die Steppjacke wegen des wechselhaften Aprilwetters zu bleibt.
Dann wird erst mal die anglikanische Kirche besichtigt, in der ein Hinweisschild darauf hinweist, dass man hier kein Handy braucht,
weil man hier die direkte Verbindung zu Gott hat.
Neben der Kirche steht ein Denkmal ( wofür, hat sich mir nicht so ganz erschlossen, wahrscheinlich als
Andenken an die große Walfangtradition), das aus 4 Walrippenbogen besteht.
Dann wird die Besichtigung der englischen Schrulligkeiten mit der Besichtigung des etwas ärmlich aussehenden
Falklandkriegsmuseums fortgesetzt.
Ich trinke einen grauenhaften Nescafé zum Aufwärmen und dann wird die Ausstellung besichtigt, deren Mittelpunkt große Kopien aus der "Sun"
sind, mit so martialischen Headlines wie "For Queen and country - ready to fight!"

Dann strolche ich in Nebenstraßen herum und fotografiere Häuser mit Veranden und Union Jacks.
Im einzigen richtigen Pub auf der Insel ist um12 Uhr die Hölle los, ebenso auf den Straßen, weil da alle zum Mittagessen nach Hause fahren. Die Falklands haben, wie ich der aktuellen "Penguin News" entnehme, 2913 Einwohner, dahinzu kommen noch ca. 1.000 Soldaten, die hier 3 Monate bleiben müssen. Und eine Million Schafe, wie konnte ich das vergessen.
In Port Stanley leben 1989 Einwohner und im Moment toben auf der Westinsel noch ca. 2000 Touristen von 3 Kreuzfahrtschiffen herum.
Also kein Fish und Chips im Pub, dann gehe ich eben den Supermarkt besichtigen. Der ist wirklich super, vor allem das Angebot und Alkoholika und Fleisch ist sehr ordentlich. Für Vegetarier wird hier eigens "Linda McCartneys" vegetarische Lasagne angeboten.
Das Gemüseangebot ist ärmlich und teuer, zwei Vespergurken kosten fast 2 Falklandpfund. Das ganze Gemüse wird aus Chile herangeflogen, weil man mit den Argentiniern nun gar nichts zu tun haben möchte.
Hier werden Rainbowpearls zur Weihnachtsplätzchendeko erworben.
Abends beim Auslaufen entschuldigt sich der Käptn für die Probleme beim Tendern, einige Leute haben zum Teil 2 Stunden warten müssen, bis das überhaupt ging und einige berichten von einer ziemlich gefährlichen Schaukelei. Schwein gehabt.

Mittwoch, 5. Dezember


Faul. Ich nerve den Kollegen am Counter, weil die Bibliothek aussieht wie nach einem Orkan und man eine Gebühr von
50 Dollars einzieht, wenn Bücher nicht zurückgegeben werden. Dann muss man aber auch den Bücherkasten regelmäßig
leeren und wenn sich zurückgegebenen Bücher oben stapeln, ist das nicht gerade eine vertrauenserweckende Maßnahme
für eine ordentliche Rückbuchung. Außerdem stehen die Book-Crossing-Bücher unordentlich mitten im Präsenzbestand und
ordentliche Reiseführer und einen guten Atlas haben die hier auch nicht.

Dann entwickle ich ein neues Hobby :Das Entdecken lustiger Übersetzungen der Gerichte am Buffet.
Im Wellnesscenter gibt es " Chief Spa Salad", was mit "Heilbadküchenchefsalat" übersetzt wird.
Dann denke ich mir, dass das Hauptbuffet auch sicher Einiges in der Richtung zu bieten hat und werde auch nicht enttäuscht.
"Spaghetti Squash Salad" wird mit " Spaghetti zerquetschen Salat" übersetzt, weiter geht es mit "Cole Slaw" als Krautkrautsalat ,
als " Möhre und Ingwerbekleidung" Carrot and Gingerdressing.
Mixed Vegetable wird aus mir unerfindlichen Gründen mit "Verhandlungen-Kartoffel" übersetzt und der "Vegetable Salad"
kommt auf Deutsch als "Pflanzlicher Salat" daher.
Den Abschluß bildet dann "Stuffed Peppers" mit "gestopfter Pfeffer."
Durchgehend ist die Übersetzung "Bekleidung" für Dressing, so gibt es auch "russische Bekleidung" zu essen.
Also richtig fette Beute für Sprachliebhaber.

Donnerstag, 6. Dezember

Heute sind wir im argentinischen Puerto Madryn, unser Führer heisst Peter, ist 68 Jahre alt und 1951 mit seinen
Eltern aus Dresden
hierhergekommen, weil die Familie hier in der Pampa einen Onkel hatte.
Peter sieht mit seinem Hut aus wie ein Almöhi und ist ein echter Naturbursche.
Er mag keine Städte und vermeidet mit allen Tricks eine Stadtrundfahrt durch Puerto Madryn.
Das nehmen wir ihm aber nicht übel, weil wir auf diese Art und Weise nochmal eine Pinguinkolonie zu sehen bekommen,
diesmal mit kleinen Pinguinen, an die wir auf 2 Meter herankommen.
Ich muss noch erwähnen, dass das heute der Ausflug auf die Halbinsel Valdez ist, wo wir " gemütliche Rüsselrobben"
zu sehen bekommen sollen.
Ansonsten sehen wir Maras ( sehen aus wie degenerierte Hasen, sind aber eine Meerschweinchensorte) und einen
Nandupapa mit 4 Jungen.
Bei dieser Tierart machen die Männer die Aufzucht, was die Weiber nach dem Eierlegen machen, ist nicht bekannt.
Wir fahren die ganze Peninsula entlang, das sind 380 km. Diese Gegend lag vor Jahrmillionen mal unter dem Meer,
deswegen ist der Boden salzig und die Schafe, die hier grasen, müssen beim Braten nicht nachgesalzen werden.
Nach 3 1/2 Stunden Fahrt erreichen wir dann endlich die Robbenkolonie.
Die Kerle lümmeln sich am Kiesstrand und auf mit Algen bewachsenen Felsenbänken.


Die Alten sonnen sich und geben sehr ulkige Laute von sich, die Jungen albern im Meer herum, balzen herum oder balgen sich.
Hier gibt es auch Estanzias, das ist die argentinische Bezeichnung für Hazienda, die sind hier sehr groß, weil der Boden so karg ist,
dass ein Schaf drei Hektar braucht, um satt zu werden. Eine Estanzia wirft erst ab 8.000 Schafen Gewinn ab.

Freitag, 7. Dezember

Faul. Dann mal einige Anmerkungen zur Bordzeitung. Die gibt es hier für alle Nationalitäten, bei der deutschen Version muss ein
frühpensionierter Lehrer die Chefredaktion innehaben. Nur so lässt es sich erklären, dass wir im tiefsten Süden dieser Welt jeden
Tag mit den neuesten PISA-Ergebnissen unserer lieben Schüler beglückt, oder besser, belästigt werden.
Heute wird es langsam wärmer, wird ja auch Zeit, man kann in einer leichteren Jacke schon mal eine Stunde draußen sitzen.
Dann ist heute der 3. und letzte formelle Abend. Es gibt Hummer ohne Scheren.

Meine Vermutung oder Hoffnung, dass es am nächsten Tag dann Hummersalat von den Resten gibt, wird bitter enttäuscht. Wunderkerzenparade gibt es auch Sicherheitsgründen nicht mehr, dafür balancieren die Kellner das gebackene Alaska auf
dem Kopf und wedeln mit Servietten.
Aber Erwin heitert mich auf, indem er erzählt, dass er auf dem Schiffskanal im TV ein Interview mit dem Kreuzfahrtdirektor gesehen hat.
Dieser hat seine Lieblingsfragen, die die Passagiere an ihn richten, zusammengefaßt, hier in der Reihenfolge meiner Lieblinge:

" Gehen die Treppen nach oben oder nach unten?"
"Produziert das Schiff seine eigene Elektrizität ?"
" Ist in der Toilettenspülung Süß- oder Salzwasser?"

Und nun der absolute Knaller, gottseidank hatte ich gerade nichts im Mund, das hätte in einem Desaster geendet :
" Welcher Religionsgemeinschaft gehören die Leute an, die den kleinen Punkt hinter dem Ohr haben ?"

Samstag, 8. Dezember

Montedvideo empfängt uns mit dem Duft von Zweitaktern ( mein Ausruf beim Öffnen der Balkontür : "Hier riecht es wie in der DDR !")
Aussicht auf diverse Türme und etwas verrottet aussehende Lagergebäude.
Wir dürfen ohne Formalitäten raus, Stempel im Paß gibt es auch nicht. Unser Führer ( ca. 58 Jahre alt) heisst Elias,
seine Eltern sind aus Litauen und Odessa nach Argentinien gekommen.
Er beantwortet meine etwas schüchterne Frage, wie seine Eltern sich damals gefühlt haben, als die ganzen Altnazis
nach Südamerika gekommen sind, leicht grinsend damit, dass die sich umgehend versteckt hätten.
Dann geht es zum Hauptplatz, auf dem ein Reiterstandbild vor einem 70-er Jahre Hochhaus steht und ein wunderschöner
Art-Deco-Turm das Ganze krönt.

Dann fahren wir 23 km an der Strandpromenade des Rio Plata ( zweitgrösste Flussmündung nach dem Amazonas)
entlang und Elias teilt uns mit, dass der arme Staat Uruguay sehr gerne Rentner aus dem reichen Europa sieht.
Uruguay gilt als die Schweiz Südamerikas, aber nicht vom Reichtum, sondern von der Sicherheitslage her.
Nun ja, als ich nachmittags in die Markthallen gehe, die eine riesige Fressgass sind ( ich sage nur Asado, die
südamerikanische Form des Barbecue, bei dem das Dumme ist, das man bereits zwei Tage später schon wieder Hunger hat )
hält sich dort in der Umgebung auch sehr viel Touristenpolizei auf.

Und ich sehe auch, wie sie verdächtig aussehende Jugendliche kontrolliert. Naja, wenn auch zwei Kreuzfahrer im Hafen liegen,
gibt es fette Beute für Taschendiebe.

Sympathisch bei der Stadtrundfahrt, als wir am Wohnsitz des Präsidenten vorbeifahren, dass dort keinerei Wachen
stehen und Elias berichtet, dass die Frau des Präsidenten von ihm selber dort schon mit Einkaufstüten gesichtet wurde.
Ganz anders der Zirkus zwei Tage später in Buenos Aires zur Amtseinführung von Christina Kirchner, aber dazu komme ich noch.

Dann wird es im Hafen interessant, es ist ein ziemlich enges Hafenbecken; hinter uns liegt ein Frachter, der von zwei Schleppern herausgezogen wird, dabei reisst auch ein Seil und dann vollführen die Schlepper ein richtig schönes Schlepperballett.
Dann liegt da noch ein Frachter, auf den pausenlos Baumstämme verfrachtet werden, diese finden ihre endgültige Bestimmung
dann in einer Zellulosefabrik in Finnland! Aber der Wahnsinn hat demnächst ein Ende, weil jetzt in Uruguay eine Papierfabrik gebaut wird, weswegen die Argentinier böse sind ( wegen der Umweltverschmutzung) , diese Geschichte bekommen wir auch noch in Buenos Aires erzählt.
Deswegen ist der uruguayische Präsident sofort nach der Inthronisierung von Christina Kirchner gleich wieder abgeflogen.
Jedenfalls ist das Ablegen hier schon recht spannend, wir müssen auf Meterbreite an dem Holzfrachter vorbei und die Hafenausfahrt
ist auch nicht gerade breit. Und dann fahren wir auf einer ausgebaggerten Seestraße auf der Mündung des Rio de la Plata gen Buenos Aires.

Wir haben zwei Stunden Verspätung, weil es Probleme mit unserem Versorgungsschiff gab. Also müssen die Schiffsschrauben heute abend wieder 24 Knoten hergeben, was wir beim Abendessen ( wir sitzen praktisch auf diesen Dingern) dann auch merken werden.

Sonntag, 9. Dezember
Wir haben uns noch 3 Tage Anschlussurlaub in Buenos Aires gegönnt, alles andere wäre ja auch Blödsinn gewesen.
Aber davor haben die Götter das absolut chaotische "Disembarquing" gesetzt.
Ich habe ja schon Einiges an Chaos gesehen, aber das ist hier unbeschreiblich. Erstmal haben sie die Koffer der Passagiere der unvermeidlichen " Norwegian Dream" mit den unsrigen am Kai zusammengestellt, dann müssen wir uns durch die Halle quälen,
in der Koffer geröngt werden oder auch nicht. Als wir irgendwann dann draussen sind, bin ich heilfroh.
Ich bin zweifach gestresst, weil ich Rolli schieben und gleichzeitig den Gepäckträger mit unseren Koffer im Auge behalten muss und mir die Reiseleiterin noch die Verantwortung für "Hühnchen" übertragen hat.
Hühnchen ist eine 70-jährige etwas sehr schusselige Dame aus dem Rheinland, die kein Wort Englisch kann und auch schon mal Schwierigkeiten in einfachsten Dingen hat.
Zum Beispiel beim Ausfüllen vorn Formularen ( "Isch hab Kreislauf") , beim Beaufsichtigen ihres gelben Koffers oder überhaupt mit dem Mitkommen auf Ausflüge.

Auch hier hat man vor dem Einchecken eine Stadtrundfahrt, die mit dem Besuch des schönsten Friedhofs Südamerikas beginnt.
( Ich hatte so was schon in Punto Arenas befürchet, als wir dort den zweitschönsten Friedhof angucken mussten.)
Hier werden wir vor das Mausoleum von, richtig: Evita geschleift, was ich mit etwas unwilligem Knurren und nicht Zitierfähigem quittiere.
Das ist schon ein sehr elegantes Viertel hier, mit eleganten älteren Damen in Kostümen und Kleidern im Sechziger Jahre Stil, die im Strassencafé an einem Weißwein nippen und Leckereien wie Oliven mit Käse zu sich nehmen.

Unser nächstes Ziel ist die Plaza de Mayo mit dem rosa Präsidentenpalast, von dem Evita ihre Reden gehalten hat und Galtierí den Falklandkrieg ausgerufen hat. Heute ist alles etwas zugestellt, weil schon alles für die TV-Übertragung der Amtseinführung der ersten gewählten (!) Präsidentin vorbereitet wird. Auf dem Platz in den Boden eingelassen sind symbolische weiße Tücher, die stehen für die vermissten 30.000 Argentinier, deren Mütter heute noch donnerstags auf diesem Platz demonstrieren.
An den Andenkenständen hängen Evita und Che als Postkarten oder Anstecker friedlich nebeneinander.

Dann La Boca, das farbenfrohe italienische Viertel, in das wir bitte nicht alleine gehen sollen.

Aber wenn am Wochenende Tausende von Touristen hier herumlaufen, sei es sicher.
Das erschließt sich auch, als wir mit dem Bus an einer gigantischen alten Hebebrücke vorbeifahren -
daneben befindet sich das Elendsviertel und das wird nicht das einzige sein.
Das Hotel heisst Elevage und liegt für uns sehr gut. Das heisst, die rollstuhlgeeignete Avenue Florida ist in 5 Minuten zu erreichen.
Und die "Galerias Pacifico", ein edleres Shoppingcenter, können ohne langes Suchen geentert werden.

An der Ecke dazu befindet sich noch das Cafe " Gran Café", was zu meiner Stammkneipe wird.
Hier kann man wunderbar Leute gucken, sowohl gestresste Portenos ( wie die Bewohner von Buenos Aires sich als Hafenstadtbewohner selber nennen), als auch Touristen.
Nahezu alle von Schiff, die verlängert haben, laufen hier vorbei.

Montag, 10.Dezember

Heute ist Estanzia, also Landgut angesagt. Unser Guide Christina ist gottfroh, heute, am Tag der Amtseinführung
ihrer Namensvetterin diese Stadt mit uns verlassen zu dürfen.

Hier gibt es Reiterspiele, Kutschfahrten und im ehemaligen Haus der Gutsbesitzerfamilie ein liebevoll eingerichtetes Museum.
Mich fasziniert die Kleidersammlung von den Zwanziger bis zu den Sechziger Jahren, die Hausherrin hatte hier wohl genug Kohle für die elegante Mode aus Paris. Der Herd in der Küche ist sehr klein, hier wurde nur Kaffeewasser warmgemacht, denn der Rest spielte sich auf dem Grill ab.
Dieser Grill ist ca. 10 Meter lang und das Horrorszenario für jeden Vegetarier. Hier liegen Chorizos, Blutwürste, Riesenhühner und Rinderlende.


Da ich aus einem anderen Südamerikaurlaub Erfahrung mit dieser Orgie habe, schlage ich nur bei der Rinderlende zu, die mit einer sehr leckeren Sauce (bestehend aus Olivenöl, getrocknetem Basilikum, Oregano und Chilis ) serviert wird.

Abends gucken wir fern, wir müssen ja die Amtseinführung sehen. Gisela verspürt den Wunsch, auf den Hauptplatz zu gehen.
Und obwohl sie heute Geburtstag hat und Geburtstagskinder immer Wünsche frei haben, rede ich ihr das aus.
Es ist uns ja schon was rausgegangen, es wird mit Konfetti geworfen und man hat alles an Showstars rekrutiert, was das Land hergibt.
Auch Mercedes Sosa sitzt im Rollstuhl auf der Bühne und singt.
Zwei Tage später nehme ich aus dem Flugzeug eine argentinische "Bunte" mit,
auf deren Cover Christina mit weißem Spitzenkleid ( die Frau ist 54 !), hellblauer Schärpe und Zepter abgebildet ist.

Krönungen in europäischen Königshäusern verlaufen dezenter ab, aber die Argentinier haben halt auch viel Italienisches in sich.

Dienstag, 12. Dezember

Heute haben wir den Tag zur freien Verfügung und ich beschließe, das öffentliche Nahverkehrssystem auszuprobieren, sprich, ich möchte Metro fahren. Das kostet den umgerechneten Spottpreis von 20 Cent. Ich habe jetzt nicht die Linie mit den ganz dollen Stationen erwischt,
weil ich die Linie C nach San Telmo nehme, aber die gekachelten Stationen mit Motiven aus der Toskana sind auch nicht schlecht.

Und dann laufe ich eine ganze Strecke wieder Richtung Hotel - als es mir zu blöd wird, mich mit dem Stadtplan auseinanderzusetzen,
nehme ich mit ein Taxi mit freundlich dreinschauendem Taxifahrer. Der fährt ein schwarz-gelbes Peugeot 504-Taxi, dieser Autotyp ist in Europa mittlerweile ausgestorben und erfreut sich hier eines langen Lebens.

Abend dann als krönender Abschluss der Tangoabend im Piazolla -Theater. Erst gibt es ein dreigängiges Menü, Rotwein und Wasser und dann Tango. Schon bemerkenswert, wie Menschen ihre Körper verrenken können.
Im TV dann spanische Nachrichten, selbst CNN sendet hier nur auf spanisch. Trotzdem kriege ich mit, dass es im Hafen von Montevideo ein Schiffsunglück gegeben hat. Wir erfahren später, dass die Norwegian Dream mit einem Containerschiff zusammengerauscht ist.
Im Internet lese ich später zuhause nach, dass man das Schiff gut reparieren konnte, die Touristen mussten also nicht nach Hause geflogen werden. Wer möchte schon mit einem lädierten Schiff um Kap Horn fahren?

Tja, nun bin ich wieder zuhause und erfreue meine Mitmenschen mit Plätzchen, die mit "Rainbow Pearls"
von den Falklands verziert sind und an der Wand hängt mein Zertifikat, das bekundet, dass ich die Magellanstrasse durchquert und
Kap Horn umrundet habe.

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