Oceanos im April 1990 mit der SPD

( Anmerkung: diesen Reisebericht habe ich 11 Jahre später aus der Erinnerung auf der Frachterfahrt geschrieben- ich hatte allerdings noch einen Stern-Artikel über die Fahrt , der mancher Erinnerung doch sehr auf die Sprünge geholfen hat)

Angefangen hat es damals mit einer Annonce im “Spiegel”, als die SPD erstmalig eine Kreuzfahrt im Mittelmeer angeboten hatte. Das war im Jahr 1990 im April. Der Spaß sollte für 11 Tage 4.600 DM kosten, was mir nun zuviel war. Eine Woche vor dem Ablegen bekam ich einen Brief, dass die Reise für die Hälfte zu haben sei und ich schlug zu - 2.300 DM für 11 Tage, da gab es nun wirklich nichts zu meckern.
Die “Oceanos” sollte am 4. April in Toulon ablegen.

Route: Toulon - Malta - Israel - Zypern - Albanien - Dubrovnik -Venedig.
Abfahrt nach Toulon war abends um 22.00 in München. Es wurde auch noch ein kleinerer Umweg gefahren, um einen in Jazzkreisen bekannten Musiker, Eugen Cicero, samt Band und Freundin irgendwo in der Schweiz abzuholen. Um 14.00 kamen wir in Toulon an und bestiegen erwartungsvoll das Schiff. Ich hatte so das Gefühl “da kann dir nichts passieren”. Zu diesem Punkt kommen wir dann später noch.

Beim Ausfahren war es mir leicht schummerig, und ich hatte auch keinerlei Tabletten gegen Übelkeit dabei. Nach der ersten Mahlzeit legte sich diese Schummrigkeit dann aber. Und das war gut so, weil es auf dieser Fahrt doch zum Teil recht heftig zugehen sollte.

Nach 1 ½ Tagen erreichten wir Malta, wo wir einen halben Tag durch die Sehenswürdigkeiten Vallettas gehetzt wurden. Es mussten natürlich auch ein Parteibüro der Sozialisten und der maltesische Gewerkschaftsbund heimgesucht werden, das habe ich mir schon mal geschenkt.

Nach ca. 2 Tagen auf See erreichten wir dann Israel, wo wir eigentlich Simon Peres treffen sollten, aber der hatte keine Zeit für uns. Dafür hatte aber Ezer Weizman Zeit für uns, ein beeindruckender Mann. Ansonsten fand fast keiner der angeführten Tagesordnungspunkte statt, Yad Vashem fiel aus, ebenso wie die Fahrt nach Bethlehem und mit dem Bazarbummel war es auch nicht so weit her, einmal durch die Intifada und dadurch, dass keiner der Programmplaner gemerkt hatte, dass an diesem Tag ein hoher jüdischer Feiertag war (Pessach) und somit alles Leben um 14.00 erstarb.

In Zypern Besuch des Parlaments, mit einem fast heulenden sozialistischen Parlamentspräsidenten, der uns Deutsche um unsere baldige Wiedervereinigung beneidete.

Albanien: mir war gesagt worden, dass ich wegen des kurzfristigen Antritts meiner Reise kein Visum bekommen würde. Ich hatte mich damit schon abgefunden, war aber doch etwas traurig darüber. Bis einer der Musiker meinte, dass die Reiseleitung auch gar nicht an sie gedacht hätten, und sie wollten natürlich auch alle Mann mit nach Albanien. Also wurde der Bordfotograf beauftragt, nette Passbilder von uns zu machen, das wurde auf einen DIN-A-4 Bogen mit den persönlichen Angaben geklebt und dann durften wir gegen einen Obolus von 140 DM auch rein. Bei der Fahrt in den Hafen von Durres standen alle erwartungsvoll an Deck, neben mir der Schiffsarzt, Jahrgang 1925. Dieser meinte, er hätte den Hafen schon vor 45 Jahren gesehen und er sähe noch genauso aus wie damals - nur noch verrotteter. Wir wurden in Busse verfrachtet, die auch schon eine lange, wechselvolle Vergangenheit hinter sich hatten. Unterwegs sahen wir dann  Busse, bei denen unter der braunen Überpinselung dann noch Aufschriften wie "Einstieg" erkennbar waren- eigentlich hatten wir ja eher chinesische Schriftzeichen vermutet.

Dann fuhren wir zu dem Vorzeigeobjekt der Albaner, zur Burg Skanderbeg. Das war der albanische Nationalheld, der zwar erfolglos gegen die Türken gekämpft hatte, was der Verehrung aber trotzdem nicht im Wege stand. Dann durch eine interessante Landschaft mit vielen Betonkugeln in den Feldern. Das waren die Bunker, die der große Führer Enver Hodscha in seiner unermesslichen Weisheit hatte anlegen lassen. Fragt sich bloß, gegen wen. In Tirana, was auf mich den Eindruck eines 12.000- Einwohnerdorfs machte, fuhren wir auf dem Weg zum Mittagessen im “Hotel Tirana” am letzten Stalin-Denkmal in Europa vorbei.
Beim anschließenden Bummel durch die Stadt hatte man den Eindruck, als ob hier niemand einer zielgerichteten Tätigkeit nachging - alle schlenderten so dahin, als ob sie nichts zu tun hätten. Man hatte den Eindruck einer gigantischen Langeweile. Einer der mitreisenden Musiker, der schon mal an einer Haschpfeife gezogen hatte, meinte, dass Land mache auf ihn den Eindruck eines gigantischen Trips - alles etwas verlangsamt.
Vormittags waren uns die vielen Männer an den Bushaltestellen aufgefallen, als wir unseren englischsprachigen Führer danach fragten, antwortete er nur, dass gerade Schichtwechsel in den Fabriken sei. Da muss dann aber den ganzen Tag ein permanenter Schichtwechsel geherrscht haben.

Wir hatten auch bei der Fahrt durch das Land nur einmal einen Trecker gesehen, ansonsten standen Frauen in hohen Gummistiefeln in den Äckern und gruben das fruchtbar aussehende Land mit Spaten um. Deprimierend war auch der Besuch der Ausstellung "Albanien heute" das sah aus wie bei uns auf dem Sperrmüll.

Abends auf dem Schiff schämten sich die Sozis, als sie nach dieser Armutserfahrung über das kalte Buffet herfielen.

In Dubrovnik, der nächsten Station bekam man ein ganz anderes Bild von einem sozialistischen Land: alles war proper, morgens um 8 Uhr werden die Gehsteige gefegt.
Auch hier gab es natürlich einen Vortrag, über "Reformen in Lande Titos" - den habe ich mir allerdings angesichts des schönen Wetters geschenkt.
Ab und zu war ich aber schon mal bei einem Vortrag- auf dem Schiff waren ja auch zahlreiche Referenten zugange. Allerdings bin ich nicht zum "Demokratiegedanken in der deutschen Einheitsbewegung" gegangen - da war mir ein Asterix-Film dann doch lieber.
Spannend war aber der Vortrag des Schiffsarztes, der sich ein halbes Jahr vorher bei dem Ansturm der DDR-Flüchtlinge auf die deutsche Botschaft in Prag freiwillig zur medizinischen Betreuung gemeldet hatte. Atemlose Spannung, als er erzählte, wie Genscher die Bekanntgabe der Ausreisegenehmigung inszeniert hatte.

Das zur Tour, und nun zum Schiff.

Die Oceanos war 1958 irgendwo in der Bretagne zusammengenagelt worden und fuhr nun unter griechischer Flagge ( Epirotiki Lines). Beleibe kein Luxusdampfer, da hätten die Sozis ja ein schlechtes Gewissen bekommen. Der mitreisende Sternreporter beschrieb den Dampfer als verhärmten Oldtimer aus den 50-er Jahren, dessen ästhetische Ausstattung an einen seetüchtigen Trabbi denken lässt. Aber man wurde mit den Riten der christlichen Kreuzfahrt bekannt gemacht: Frühstück im Restaurant, 11 Uhr-Süppchen, Mittagessen entweder im Restaurant oder an Deck ( besonders lustig war bei dem Wind das Einnehmen von Salaten - man musste Unmengen von Dressing draufhauen, damit der Salat nicht wegflog), nachmittags kleine Kuchen und Kaffee, abends dann mehrgängiges Menü, jeden Abend unter einem anderen Motto: karibisch, griechisch etc. Besonders lustig war es, wenn sich die griechischen Kellner dann in die Karibikhemden warfen. Und es gab auch noch ein Mitternachtsbuffet, was ich aber habe ausfallen lassen.
Des weiteren gab es die wohl auf Schiffen üblichen Belustigungen wie einarmige Banditen und Roulette. Disco gab es auch, vorne im Bug, damit wir die Meeresbewegungen auch besser auskosten konnten. Einen Abend, bei Kreuzdünung war es besonders lustig, man wusste nie, wann wo der Fuß wieder aufkommen würde, den man gerade gehoben hatte.
Andererseits kam einem der Schiffsboden wieder an Stellen entgegen, wo man es gar nicht vermutet hätte.

Es gab 3 Kapellen an Bord, Rosi und ihre Dixielandband ( ein Must bei den Sozis in dieser Zeit), diese Kapelle zeichnete sich schon am späteren Vormittag durch ausgesprochenen Trinkfreudigkeit aus. Bei Musiksonderwünschen animierte ein Bierchen seitens des Wünschenden die Spielfreude doch ganz außerordentlich. Dann gab es den schon erwähnten Eugen Cicero, der eine Miniband mit Kontrabassisten und Schlagzeuger hatte. Ein eigens anberaumtes Konzert, auf das insbesondere die Damenwelt geierte, fiel dann allerdings wegen der Nachtrunkenheitssymptome des Künstlers aus. Der Stewart war vom Starpianisten angewiesen worden, jede halbe Stunde einen Gin-Tonic auf seine Kabine zu bringen. Irgendwann setzte der Schiffsdoc dem Treiben dann mit ein paar Schlaftabletten ein Ende. Der Künstler wurde in Venedig auf einer Bahre von Bord getragen; er war aber in der Lage, 2 Wochen später in Stuttgart ein Konzert zu geben.
Dann gab es noch René aus Köln mit Band, diese Herren spielten "geflechte" Salonmusik.
Der Käptn war ein baumlanger, gutaussehender Grieche
Sein Empfang fiel so aus, dass wir uns alle in einer Reihe aufstellen mussten und brav unsere Namen sagten. Besonderes Aufrüschen war nicht erforderlich, ein einfaches ausgeschnittenes T-Shirt reichte vollkommen aus. Neben mir stand eine rassige Rothaarige samt Mutter, die meinte, wenn sie den einzigen Satz, den sie auf griechisch könnte, dem Käptn kundtun würde, würde er den Kahn gegen die nächste Kaimauer hauen.
Der Satz lautete: Dein Name ist Leidenschaft.
Egal, ob sie den Satz nun losgelassen hat oder nicht, sie saß später auffallend oft mit Frau Mutter nach dem Dinner an seinem Tisch.
Tja, ein Jahr und 5 Monate später war das Schicksal dieses Schiffes dann auch besiegelt- es sank vor der
Küste Südafrikas in einem Sturm. Es war ein anderer Käptn als unserer, der bei dieser Aktion als einer der ersten das Schiff verließ. Es war nicht einmal mehr möglich, die Rettungsboote herunterzulassen, so dass südafrikanische Hubschrauberpiloten die Menschen von Bord evakuierten - keiner kam um. Jahre später hatte ich mal Gelegenheit, eine Käptn von Hapag Lloyd zu diesem Vorfall zu befragen, weil man nie etwas in der Zeitung über die Strafverfolgung dieser Aktion des Oceanos-Käpitäns lesen konnte. Der wurde bleich und sagte, dass das eine ganz üble Geschichte gewesen sei und dass dies vor einem griechischen Seegericht verhandelt worden war, also hatten die Griechen das dann unter sich ausgehandelt.

Trotz alledem - diese Reise hatte Folgen, meine Begeisterung für Schiffe war geweckt.....

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