Panamakanal 17. März bis 2. April 2006

Valparaiso Arica 887 Seemeilen
Arica Callao 591 Seemeilen
Callao Manta 772 Seemeilen
Manta Panamakanal 631 Seemeilen
Panamakanal Aruba 631 Seemeilen
Aruba Port Everglades 1128 Seemeilen
Freitag, 17. März Frankfurt Sao Paulo Santiago de Chile
In Deutschland wird seit 6 Wochen
gestreikt, der Winter lässt sich nicht vertreiben und
deswegen freue ich mich seit Wochen mit Gisela zuammen wie blöd
auf die lang geplante Reise durch den Panamakanal.
Wir treffen uns in Frankfurt am Flughafen
und checken zum ersten Mal für Gisela und mich mit Rollstuhl
ein.
Das beschleunigt die Prozedur ungemein. Dann dürfen wir vor dem
Boarden als erste rein, zusammen mit Müttern
und kleinen Kindern und zwei Chilenen, bei denen die
Bundesrepublik Deutschland so scharf drauf ist,
sie wieder loszuwerden, dass zwei Polizeibeamte, die das aber
eher lässig sehen, drauf achten, dass sie
wirklich das Flugzeug besteigen. .
Der Flug mit der A 340-600 der Lufthansa
verläuft zunächst ruhig, wir fliegen über Reims, dann geht der
Kurs über die
Kapverden rein nach Brasilien. Unruhe bringen ein paar junge
Russen herein, die heimlich auf dem Klo rauchen und
versuchen, mit Steinzeithandys zu telefonieren. Interessant, wie
die LH damit umgeht, die Jungs kriegen eine Verwarnung,
aber werden nicht in Handschellen
gelegt.
Die Amis hätten die doch mit ihren Skymarshals erstmal im
Gepäckraum in Ketten gelegt
.
Der Käptn meldet sich irgendwann und kündigt an, dass wir eine
Viertelstunde durch Gewitter fliegen werden.
Durch die Wolken schimmert es gelblich, aber es gibt kaum
Turbulenzen. Später, als die Wolken aufreissen sind,
sieht man, wie die Blitze weit unten die Landschaft erhellen. Der
Flug dauert 17 Stunden, wir haben allerdings einen
Zwischenstop in Sao Paulo.
Diese Megastadt sieht von oben aus unglaublich aus, dieser Moloch
hört überhaupt nicht mehr auf.
Später dann sieht die Landschaft aus, wie Süddeutschland von
oben, das ist wahrscheinlich die Ecke
Brasiliens im Süden, wo die Deutschen sich angesiedelt haben.
Nochmal später eine Landschaft, die aussieht, wie riesige Teiche
mit Entengrütze drin.
Ich bin gespannt auf die Anden, die aber erst kurz vor dem
Landeanflug sichtbar werden.
Gar nicht soo spektakulär, erst sieht man schneebedeckte Gipfel
und dann schmutzigbraune Berge,
ab und zu ein Trampelpfad und einmal eine kleine Siedlung, wo ich
mich frage, wovon die Leute leben,
weil auch keine Felder, Bäume und weitere Ansiedlungen zu sehen
sind.
Samstag, 18.März
Der Landeanflug auf Santiago ist so ganz
anders als auf Sao Paulo, hier ist nämlich nichts von einer
5-Millionenstadt zu sehen,
weil der Flughafen weit draussen im Norden liegt.
Die Grenzformalitäten verlaufen dank Giselas Rolli flott, und
dann werden wir
von Isabella, einer Chilenin mit
deutscher Mutter abgeholt. Wir machen eine kleine Stadtrundfahrt,
Santiago wirkt auf uns aber nicht so prickelnd.
Es gibt ein paar schone alte Gebäude, aber auch viel
architektonisch Uninteressantes dazwischen.
Unser Hotel ist das Radisson im Financial District Santiagos.
Eine Gegend mit kleinen Geschäften auf der einen Seite und mit
Banken und vielen Restaurants auf der anderen Seite.
Weil die Gegend aber nicht sonderlich rollstuhlgeeignet ist,
essen wir im Hotel.
Das spendiert uns auch einen Pisco sour

das ist das Nationalgesöff in Chile und besteht aus
Traubenschnaps, Eiweiss und Limonensaft.
Danach gibt einen süssen Maiskuchen und ein Huhngericht für
Gisela und für mich Artischockensuppe und Muscheln
mit zweierlei Käse überbacken . Nach einem leckeren
chilenischen Roten fallen wir dann um halb zehn ins Bett.
Sonntag, 19. März
Nach acht Stunden Tiefschlaf ist man fit
für die Tour nach Valparaiso.
Unsere muntere Isabella holt uns ab und da wir nur vier Leute
sind, gibt das auch eine aufschlussreiche Tour von
Santiago nach Valparaiso durch eine der vielen Wein und
Obstgegenden Chiles.
Isabella hat eine interessante Familiengeschichte zu bieten. Ihre
deutsche Mutter ging mit ihrem Mann,
einem Chilenen und ihren zwei Töchtern 1973 nach Chile,
irgendwann nach dem Militärputsch wieder mit den
Töchtern nach Deutschland, wo Isabella dann ihre Schule
beendete.
Aber dann zog es die Mutter dann doch wieder zum Vater nach
Chile, als sich die politischen Verhältnisse
( wie auch immer) stabilisierten. Isabellas Vater ist aber auch
kein reinrassiger Chilene, seine Vorfahren kamen
irgendwo aus dem osmanischen Reich aus der Gegend von Syrien.
Der Grossvater hatte während des ersten Weltkrieges seinen
Söhnen dringend empfohlen, auszuwandern,
was diese dann auch taten und in diversen Orten Südamerikas
kleine Geschäfte aufbauten und dann irgendwann in Chile
landeten.
Eine faszinierende Familiengeschichte.
Die Landschaft, durch die wir fahren, erinnert etwas an
Südafrika, das Klima ist ähnlich, die Wein- und Obstplantagen
auch.
Valparaiso war die Hafenstadt Chiles, die durch den Panamakanal
an Bedeutung verlor, aber immer noch der wichtigste Hafen Chiles
ist.
Der Hafen ist ungefähr so gross wie der von Dublin. Nach ca.
anderthalb Stunden Fahrt kommen wir nach Valparaiso,
gleich zu Anfang sehen wir das hässliche Parlamentsgebäude, das
eines der letzten Bauprojekte des Pinochet-Regimes war
und wieder mal zeigt, dass Diktatoren einen schlechten Geschmack
haben.
Hier gegenüber findet ein Sonntagsflohmarkt statt, aber wir
haben leider keine Zeit, dort auszusteigen.
Der erste Stop ist am Haus La Sebastiana von Pablo Neruda.
Der zweite, als ich angesichts der malerischen Kulisse mit
farbigen Häusern am Hang spontan um einen Fotostop bitte.
Das gefällt mir hier ausnehmend gut, es hat einen etwas morbiden
Charme, weil die nicht gestrichenen Häuser teilweise
sehr verwittert sind, und dazwischen wieder bunte Häuser, die
wahrscheinlich genauso verwittert sind, aber von dem Anstrich
zusammengehalten werden.
Diese Altstadt ist auch UNESCO Weltkulturerbe und erinnert mich
in ihrer Buntheit etwas an Salvador de Bahia.
Was hier auch noch faszinierend ist, sind die Ascendores,die
berühmten Aufzüge,
das sind kleine Kabinen, die mehr oder weniger vertrauenswürdig
aussehen, und mit 60 Grad Steigung ca. 100 Meter rauf
oder runter fahren.

Hier könnte ich noch länger bleiben, mich hat schon lange keine
Stadt mehr derart begeistert.
Aber wir müssen noch nach Vina el Mar, die mondäne Nachbarstadt
von Valparaiso.
Hier nehmen wir an der Standpromenade einen Cortado und gehen
dann noch zum Museo Fonck ,
wo eine der drei Original-Moais (die von den Osterinseln ganz
legal entfernt worden sind) draussen aufgestellt sind.
Hätte ich nicht gedacht, dass wir das hier zu sehen bekommen!
Dann wird es Zeit, die Millenium zu entern. Hier läuft das etwas
anders als gewohnt, das Embarquing Gebäude
liegt nämlich drei Kilometer vom Schiff entfernt. Alles geht
schnell und wir bekommen einen Spezialtransport zum Schiff.
Das wird erstmal auf die wichtigen Dinge hin abgecheckt, gibt es
einen Meerwasserpool mit warmen Wasser ( ja),
wo ist das Selbstbedienungsrestaurant mit Kaffee, kann man einen
Computer nutzen, um das Reisetagebuch schon
an Bord zu schreiben (ja) und wo ist die Bücherei (zu).
Heute abend läuft alles noch ein bisschen anders, weil die
Verantwortlichen die Seenotrettungsübung auf 20:15 angesetzt
haben,
super Idee! Hier machen wir das im Theater und müssen nicht rauf
an Deck.
Danach fällt man überhungert ins Restaurant und nimmt
Krabbencocktail, Cäsars Salad und Chicken zu sich.
Hier wird nach den Ratschlägen von Michel Roux gekocht, das ist
ein französischer Drei-Sternekoch mit Faible für Fitnessessen;
ich weiss das deswegen, weil ich auch schon Kochbücher dieses
Herrn besprochen habe.
Montag, 20. März
Seetag
CNN erinnert daran, dass vor drei Jahren der Irakkrieg begann.
Also kann man den Fernseher auch wieder ausmachen.
Die Schiffsinformationen auf dem entsprechenden Kanal über das
Wetter und die zu erwartenden Temperaturen sind mehr
als dürftig, weil es sie gar nicht gibt. Es ist kühl, maximal
15 Grad, dunstig, von der Küste sieht man nichts.
Also Gelegenheit, den Computerraum zu entern, wo man
Computerkurse belegen kann, seine Digifotos bearbeiten
und Reiseberichte schreiben kann.
Wenn man damit nicht ausgelastet ist, kann man ab 8:30 diversen
Aktivitäten wie dem Besuch eines katholischen
Gottesdienstes über ein Seminar Kampf gegen die
Falten bis zum Schauspielunterricht nachgehen.
Der wichtigste Kurs aber fehlt: Wie schaffe ich es, auf
Kreuzfahrten nicht zuzunehmen?
Aber nun mal Ernst: verglichen mit der Explorer of the Seas, auf
der ich vor zwei Jahren meine 7 Night Caribbean gemacht habe,
verläuft hier einiges besser. Es ist nicht so lärmig, das
Personal ist freundlicher, bringt auch unaufgefordert
Gratisgetränke.
Das amerikanische Publikum ist auch eher gehobene Mittelklasse,
die Deutschen sind unter den 1.800 Passagieren in der Minderheit.
Es gibt auch Kanadier, die ein sehr putziges Französisch
sprechen, das hat sich seit 300 Jahren konserviert und ist kaum
zu verstehen.
Heute ist formal angesagt, zu
essen gibt es Schnecken, Spinatsalat und Tournedos.
Davor, beim Sundowner pirscht uns ein Gentlemen Host an, John,
ein früherer Junior Highschoollehrer.
Er fragt uns über unser Fraulein Chancellor aus und
will wissen, wie wir sie finden.
Wir reagieren diplomatisch und murmeln was Unverständliches,
weil wir John nicht mit den Feinheiten der
deutschen Innenpolitik belasten wollen.
Unsere Tischnachbarn sind aus
Solingen und haben auch schon so einige Kreuzfahrten hinter sich.
Sie haben gehört, dass es bei der Kap Hoorn-Umrundung unserer
Millenium vor ein paar Tagen
( Das Schiff kam aus Brasilien)
ziemlich heftig zugegangen sein muss, bis zu 15 Meter hohe Wellen
hat es da wohl gegeben.
Nach dem Essen gibt es den Captains Empfang, aber wir haben keine
Lust Apostolos Bouzakis
die Hand zu drücken und gucken uns lieber Karaoke an.
Dienstag, 21. März Seetag
Heute ist es draussen schon
wärmer, so dass man draussen frühstücken kann.
Die Luft ist mild und es geht uns richtig gut.
Abends werde ich in der Bar zuerst von John attackiert, nachdem
wir erfolgreich eine Polka hingelegt haben,
stürzt ein steinalter Ami ( im folgenden Retired Eagle genannt )
raubvogelartig auf mich zu und zwingt mich zu einem Tango.
Nachdem er mir heftig auf den Zehen herumgetrampelt ist, bringt
er mich zügig zu meinem Platz zurück und sucht sich neue Opfer,
er schreckt auch vor rassigen Südamerikanerinnen nicht zurück.
Mittwoch, 22. März
Wir sind in Arica angekommen
und ich stürze mich in das pralle Leben der nördlichsten Stadt
Chiles mit 160.000 Einwohnern.
Arica hat mal zu Peru gehört, aber nach dem pazifischen Krieg (
da ging es um Bodenschätze) haben die Chilenen den
Peruanern diese Stadt weggenommen und damit den Peruanern hier
unten den Meerzugang versperrt, weswegen die
Peruaner den Chilenen heute noch böse sind. Die Landschaft
erinnert etwas an Fuerteventura,
nur sind die Berge nicht ganz so dunkel.
Zuerst die Eiffel-Kathedrale

und dann die Fussgängerzone,
in der das Leben auch erst um 10.00 beginnt.
Die Chilenen lassen es auch eher gemütlich angehen.
Es gibt einige Bettler und viele Menschen mit
Indio-Gesichtszügen.
Die Markthalle ist klein und unspektakulär mit kleinen
Restaurants, in denen es günstiges Essen gibt.
Es sieht alles ein bisschen ärmlich aus.
Ich finde auch ein Internetcafe mit Spottpreisen, 400 Pesos, das
sind 40 cent pro Stunde.
Dann werden Supermarktpreise gecheckt, ein Zehntel unserer
Lebensmittelpreise, aber die Chilenen ausserhalb der grossen
Städte verdienen im Schnitt auch nur 200 Dollar pro Monat. Ich
kaufe orangerote Chilis für die Anzucht in Deutschland,
ich muss die Samen nur gut vor der Immigration in Amiland
verstecken.
Am Schluss gehe ich noch zum alten Bahnhof, da steht noch eine
deutsche Lok von 1924, die bis vor 10 Jahren von Arica nach La
Paz gefahren ist.
Zurück auf dem Schiff ist es richtig gut warm, 24 Grad, aber
gefühlte 30 Grad.
Also Pool im Schatten, es geht uns richtig gut.
Abends sollen wir um 19.00 ablegen, ich begebe mich an meinen
Lieblingsplatz auf Deck 10 achtern.
Hier kann man auch sehr gut den Attacken tanzwütiger älterer
Amerikaner entgehen.
Es passiert nichts und dann kommt der Schock:
eine deutsche Mitreisende erzählt uns, dass auf der Tour in den
Nationalpark einer der Busse verunglückt ist
und es 8 Tote gibt. Wir fragen uns, ob unsere Tischnachbarn auch
darunter sind,
weil die auch diesen Ausflug in die Berge machen wollten.
Ich gehe los, um meine Eltern benachrichtigen zu lassen, bevor
1.500 andere Touristen sich um die Internetplätze balgen
und als ich wiederkomme, sitzen die Beiden ( Rüdiger und
Brigitte) wohlbehalten bei Gisela.
Es war ein Kleinbus, der bei einem Ausweichmanöver die
unbefestigte Strasse 100 Meter abgestürzt ist.
Rüdiger und Brigitte haben die Toten am Strassenrand liegen
sehen.
Erst nach anderthalb Stunden macht der Käptn die offizielle
Durchsage, dass wir bis auf weiteres in Arica bleiben müssen.
Alle sind betroffen, ich hatte überlegt, ob ich diese Tour
machen soll, es aber gelassen, weil ich Bedenken wegen der Höhe
( 4.500 m) in Kombination mit meinem niedrigen Blutdruck hatte.
Donnerstag, 23. März
Wir wachen um 8;15 auf, machen
wie üblich CNN an und da läuft dann auch der Streifen unten am
Bildschirm mit der Kurznachricht,
dass ein Bus im Norden Chiles mit 12 Toten verunglückt ist.
Um 9:00 legen wir ab, ich wundere mich, weil ich vor Mittag nicht
damit gerechnet hatte.
Der Käptn macht gegen 9:30 eine Durchsage, dass es nun 12 Tote
sind, 2 Überlebende im Hospital liegen
und dass der Schiffsarzt und eine Krankenschwester bei ihnen
sind, bis alles weitere geregelt ist.
Wir halten eine kurze Andacht, was sehr beeindruckend ist, weil
kein Ton auf dem ganzen Schiff zu hören ist
und jeder wirklich ernsthaft mit den Betroffenen fühlt.
Celebrity Cruises schickt ein Flugzeug runter, damit die
Angehörigen ihre Toten abholen und ihre Überlebenden sehen
können.
Celebrity Cruises wird auch nicht müde zu betonen, dass es sich
um eine unabhängige Tour, die nicht von CC organisiert war,
gehandelt hat.
Ich hätte ja nicht gedacht, dass wir vor Mittag wegkommen, aber
wir mussten wohl auch schleunigst aus dem kleinen Hafen raus,
weil zwei Frachter ihre Container loswerden müssen.
Wir hätten morgen um 7:00 in Callao (Hafen für Lima) sein
sollen, jetzt werden wir um 11:30 dort sein.
Das Schiff beschleunigt auf 24 Knoten, normalerweise fährt die
Millenium 16 Knoten, so holt man 14 Stunden Verspätung rein.
Es hängt auch wahnsinnig viel an Organisatorischem dran: in Lima
sind Touren gebucht, gut, die Vormittagstouren kann
man auf den Nachmittag verlegen. Bei den Ganztagstouren wird es
Probleme geben, die werden dann auch gestrichen.
Eine Gruppe ist von Arica nach Macchu Picchu aufgebrochen, ein
Dreitagestrip für schlappe 2.000 Dollar.
Die werden dann auch in Lima wieder zum Schiff stossen. Und ich
kann mir auch vorstellen, dass wir im Panamakanal
pünktlich sein müssen.
Mitreisende berichten, dass CNN die traurige Nachricht schon
gestern abend gebracht hat, bevor der Käptn die Durchsage
gemacht hat.
Nun aber zurück ins Leben: Es gibt abends jetzt einen
Gitaristen, der im Stil von José Feliciano spielt,
Gisela gefällt dieser Jose de Pepe oder Pepe de Jose
ausserordenlich gut.
Wir sitzen jetzt in der Winebar auf Deck 5, weil man da den
Attacken von John und dem Retired Eagle entgehen kann und
wir auch mal was anderes sehen wollten.
Retired Eagle irrlichtert auch hier herum, aber hier kann er
keinen Schaden anrichten, ich denke da an meine Zehen.
Freitag, 24. März
Um 9 Uhr sind wir an Deck und
sehen die peruanische Küste.
Wir sind sogar früher da als gedacht, kurz nach 10:00 und die
Behörden lassen uns nach 20 Minuten schon von Bord.
Der Hafen ist recht gross und es fahren z.T. abenteuerlich
aussehende Schiffe herum.
Neben uns liegt die Buxfavourite, ein Containerschiff, das ablegt
und auf grosse Fahrt nach Hamburg geht.
Und wieder mal ein neues Erlebnis: wir werden komplett mit
Containern abgeriegelt, was einen dann sonst noch so erwartet ?
Um 13 Uhr mache ich dann die Lima-Highlights-Tour. Jenny, die
peruanische Guide spricht toll englisch.
Überall fallen uns erst mal Wahlplakate auf, in ein paar Tagen
wird sowohl der Kongress als auch der Präsident gewählt.
Weil Fujimori nicht mehr kandidieren darf, schickt er seine
Tochter ins Rennen und ein linksliberaler Expräsident,
Alan Garcia aus den 80-ern geht auch wieder ins Rennen, von dem
unser Guide befürchtet, dass ihn viele junge Leute wählen
werden.
Wir fahren erst durch Callao, die Hafenstadt - hier sieht es zum
Teil sehr ärmlich aus
Dann fahren wir nach Miraflores, einen besseren Stadtteil am Meer
es ist unheimlich dunstig und die Nebel wabern.
Die Apartmenthäuser sind schon etwas besser, es erinnert mich an
Sao Conrado in Rio.
Im Park für die Liebenden steht eine absolut scheussliche
Skulptur, die sehr an den sozialistischen Realismus erinnert,
aber die bunten, geschlungenen Mauern im Gaudi-Stil entschädigen
dafür. Überall Wachpersonal, dann fahren wir an den
Resten einer 2000 Jahre alten Inkapyramide vorbei und nochmal
durch ein besseres Viertel, in dem auch die deutsche
Botschaft steht - überall ist alles im Erdgeschoss vergittert
und bei den einfacheren Häusern ist auch alles gesichert,
einschliesslich der Übergänge von Flachdach zu Flachdach.
In der Altstadt sind die Gebäude spanisch barock, der Stil von
Sevilla einschliesslich der maurischen Balkone wurde hier
komplett importiert.
Und überall steht die Polizei und ein Wasserwerfer aus den 60-er
Jahren wird auch gesichtet, es gibt hier öfters Krawalle.
Am zentralen Platz mit Kathedrale und Bischofspalast steigen wir aus und gehen zu dem Franziskanerkloster.

Am beeindruckensten finde ich die Darstellung des letzten
Abendmahls, das von einem unbekannten Künstler 1670 gemalt
wurde.
Da er ein landesübliches Essen mit verewigt hat, nimmt man an,
dass es ein Mestize war.
Auf dem Bild ist jede Menge los, Kinder und Hunde sind auch dabei
und ich fühle mich etwas an Monty Pythons Sketch mit dem
Last Supper erinnert, wo der Papst moniert, dass da
Kellner und Känguruhs mit drauf sind.
Der Künstler schlägt daraufhin vor, dass Bild The last
supper but one zu nenne, was aber auch nicht die Zustimmung
des Papstes findet.
OK, wir fahren zu den ältesten Universität Amerikas, 1551 von
den Jesuiten gegründet.
Finde ich jetzt nicht so toll, ich wäre lieber in die Kathedrale
gegangen, das Grab von Pizarro gucken.
Raus aus der Stadt durch Handwerkerviertel, hier ist es auch so,
dass es immer bestimmte Handwerksarten in einem Viertel gibt.
Schon alles recht ärmlich, der Mindestlohn liegt bei 140 Dollar
( in Chile war der Durchschnittsverdienst 200 Dollar)
und deswegen leben die Familien auch als Grossfamilien zusammen.
Heute abend sind alle ausser mir müde und verschwinden sofort
nach dem Abendessen, also setze ich mich in die Bar, wo dann auch
irgendwann John auftaucht und wir unterhalten uns.
Samstag, 25. März
Ich erheitere gleich zu Beginn
einen Texaner beim Frühstück damit, dass ich einen Sonnenbrand
auf dem Scheitel habe.
Er macht pantomimisch recht gekonnt vor, wie sich das beim
Kämmen anfühlt.
Diese Texaner waren letztes Jahr in Deutschland und es hat ihnen
sehr gut gefallen.
Weniger gefallen haben dem Doc des lustigen Texaners dessen
Cholesterinwerte nach dem Urlaub,
weil der wohl jede deutsche Bratwurst plattgemacht hat.
Heute ist Sonne, man kremt sich ein und probiert das warme
Meerwasserbecken aus sehr schön.
Die Trocknungsaktion in der Sonne ist auch sehr erfolgreich
aber jeder Urlaub im Süden hat eine gewisse
Initialrötung zur Folge.
Auch hier an Deck 11 irrlichtert Retired Eagle herum, der Bursche
ist permanent in Bewegung.
Abends setzt er dann dem Ganzen noch die Krone auf. Es ist wieder
mal Fototermin für die very important passengers,
weil heute so ein spezieller Empfang für die Promis stattfindet.
Da greift er sich einfach eine attraktive Anfangsfünfzigerin
für das Foto, um zuhause zu demonstrieren, was er alles noch so
drauf hat.
Er will sie wohl noch zu weiteren Aktionen überreden, aber ihrer
Körpersprache merkt man deutlich an, dass sie jetzt genug hat.
Abends irritiert unsere fröhliche Runde den Nachbartisch.
Rüdiger musste nämlich Yorkshire Pudding probieren
und der schmeckt ja nun nach gar nix. Ich schlage vor, dass man
den als Behälter für die vielen Eiskugeln, die Rüdiger
abends immer verputzt, umfunktionieren könnte, so dass diese
englische Scheusslichkeit wenigstens einen Zweck erfüllt.
An diesem besagten Tisch sitzen ein älterer Herr, der seine
wenigen Haare akkurat über seinen breiten Scheitel gekämmt hat
und beim Essen von der Seite aussieht wie die gezeichneten
Männchen von Loriot und drei Damen, die alle etwas moralinsauer
angehaucht sind. Zwei sehen aus wie astreine Pietistinnen aus
Korntal.
Eine sticht noch heraus, sie trägt ein knallrotes Kleid mit
Pailletten, aber die anderen beiden sind eher unglamourös
gekleidet ,
so im Stil kariertes Hemdblusenkleid mit weissem Kragen.
Jedenfalls ziehen die Damen indigniert die Augenbrauen hoch, wenn
wir lachen.
Heute abend rollt die ganze Runde der Kellner an, die zwei
Tischkellner und der Oberkellner und nehmen mich ins Gebet,
weil ich nie ein Dessert bestelle, ob etwas wrong sei. Ich
versichere glaubhaft, dass alles ok ist.
Sonntag, 26. März
Heute gibt es Frühstück auf
die Kabine, weil ich schon um 7:50 wegen des Ausfluges nach Manta
und Montechristi
am Treffpunkt sein muss.
Im Hafen von Manta (Ecuador) ist trotz Sonntag Einiges los, neben
uns wird ein Frachtschiff
teilweise gelöscht und es liegen viele Fischerboote herum.
Wir fahren zuerst ins archäologische Museum, in dem es recht
beeindruckende Exponate der Ureinwohner gibt,
ihre Darstellungen menschlicher Gesichter sind sehr
ausdrucksvoll.
Dann fahren wir zu einer Fabrik, in der aus Früchten einer
gigantischen Nuss Knöpfe und Schmuck gefertigt werden.
Dann der Höhepunkt für mich, Montechristi, eine kleine Stadt,
in der die Panamahüte gefertigt werden.
Ich schenke mir die Panamahutproduktion und schlendere durch das
Städtchen, das am Berg liegt und von einer weissen
neogotischen Kirche mit einem recht hohem Turm überragt wird.

Da es 11 Uhr ist, gehe ich in die Kirche hinein und es findet
erwartungsgemäss ein Gottesdienst statt.
Nach dem Vaterunser wird ein sehr fröhliches Lied gesungen, bei
dem einige der Gottesdienstbesucher richtig mitwippen.
Die Strassen sind uneben und staubig, der Dorfplatz wird gerade
renoviert.
Die Menschen sind auf den Strassen oder in kleineren Restaurants,
die alle ( für empfindliche Europäer)
nicht sehr vertrauenswürdig aussehen.
Trotz der offensichtlichen Armut machen die Menschen aber einen
fröhlichen Eindruck.
Dann fahren wir noch ein Stückchen zu einem Dorf, das fast nur
aus Andenkenständen besteht, mit Nachbildungen der
archäologischen Fundstücke.
Ich entdecke zwei Schweine, die in der kleinen Siedlung
herumlaufen und muss das natürlich
auf die Platte bannen.
Die Umgebung ist grün, grün, grün und etwas bergig. Santiago,
der Guide, erzählt auch noch was über Ecuador.
Hauptexport ist Öl, gefolgt von Bananen, Kaffee, Thunfisch und
ähnlichen Tropenerzeugnissen.
Durchschnittsverdienst einer Fabrikarbeiterin liegt bei 240
Dollar.
Als wir zum Hafen zurückkommen, sind zwei grössere
Fischereiboote angekommen und werden gelöscht.
Der tiefgefrorene Tuna wird in LKWs verladen, es dampft ganz
ordentlich.
Auf den Booten ist auch ein Hubschrauber festgetackert, der dient
dazu, wenn die Jungs auf See sind,
mal loszufliegen und grössere Fischschwärme auszumachen.
Mir erzählt ein Amerikaner, dass die Jungs fünf Monate
unterwegs seien, ich kann das nicht so ganz glauben.
Wir laufen pünktlich um 6 p.m. aus und haben dann einen
phantastischen Sonnenuntergang.
Weil Gisela und ich heute permanent aneinander vorbeilaufen ( die
Kellner erzählen mir schon, wo sie mich gesucht hat)
unterhalte ich mich mit einem 35jährigen Kanadier, der hier die
Computerkurse gibt.
Der erzählt mir, dass es, anders als es offiziell erzählt
wurde, bei dem Unfall keinen entgegenkommenden
LKW gegeben hat, dem der Kleinbus ausgewichen ist. Keiner der
Insassen der nachfolgenden vier offiziellen
Tourbusse hat nämlich einen LKW gesehen. Also ist es doch wohl
so, wie wir vermutet haben, dass der Fahrer eingeschlafen
ist, weil er die Höhenunterschiede nicht verkraftet hat.
Der Kanadier weiss auch noch zu berichten, dass es auf der
Golden Princess gebrannt hat, ein Passagier hat im
Bett
geraucht und ist eingepennt. 100 Kabinen mussten evakuiert
werden, ein Passagier hat bei der Aufregung einen tödlichen
Herzinfarkt erlitten.
Heute abend gibt es keine besonderen Vorkommnisse, ausser dass
wir den Nebentisch nerven.
Ich nenne die verkniffenen Ladies jetzt den Stiff Upper Lip
Club.
Ach ja, und um 10.00 pm macht der Käptn die Durchsage, dass wir
den Äquator überqueren.
Heute sitzen wir nach dem Essen noch draussen, es ist tropisch
warm, aber immer wenn die Tür zum Restaurant aufgeht,
schwappt eine Welle kalter Luft von innen nach aussen.
Montag, 27. März
Ich sichere uns schon mal an
Deck 10 am Pool zwei Liegen, damit wir bei der Nachfeier der
Äquatorüberquerungsaktion um
11:30 gut mit dabei sind.
Ich befürchte ja, dass Passagiere, die sich nicht rechtzeitig
wehren, in den Pool geworfen werden, aber es kommt anders.
Neptun erscheint mit Gefolge und dann werden alle
Abteilungsleiter des Schiffes herbeigezerrt und unter viel
Gejohle mit Rührei, Schokoladensauce, Ketchup und sonstigem
Material, was gut Flecken macht und gut klebt, überschüttet.
Auch einen toten Fisch müssen manche , die es besonders toll
getrieben haben, küssen.
Zum Beispiel der Boss des Casinos, weil da die Passagiere nie
gewinnen.
Am Schlimmsten trifft es erwartungsgemäss den Koch, der arme
Kerl sieht hinterher aus wie Sau und wird dann
auch noch in den Pool geworfen.

Ich finde diese Aktion nicht schlecht, für die Psychohygiene in
Betrieben finde ich eine solche Strafaktion
pro Jahr eine nachdenkenswerte Massnahme, aber das muss
natürlich vorher mit dem Betriebsrat abgesprochen werden.
Abends ist ein Quiz, Liars Quiz. Da sitzen vier Angestellte,
u.a.die Bibliothekarin und Emmanuele, genannt Männi,
der zu kurz geratene Unterhaltungsdirektor und es werden dem
geneigten Publikum unbekannte Wörter an den Kopf
geworfen und jeder der vier hat eine andere Interpretation.
Gisela kommt als erste auf einen richtigen Begriff und ich errate
das Wort to girn( auf deutsch: nölen)
und weiss auch noch was anderes.
Besonders lustig finde ich die Aussage der Librarian
Librarians never lie.
Mit der logischen Folgerung, dass jeder der vier einmal was
Richtiges sagt, gebe ich unseren Zettel ab und betone,
dass wir ein deutsches Team sind.
Der Moderatorin fällt das Gesicht runter, weil auch die Amis die
Worter nicht kannten.
Es wird uns ein Präsent auf die Kabine versprochen, und
tatsächlich, am folgenden Tag liegen da vier dunkelblaue
kleine Kühltaschen mit einer Widmung von Männi in einer
absoluten Sauklaue for a very special guest.
Der Champagner aus Costa Rica wäre mir ja lieber gewesen, aber
in der Kühltasche kann ich den Rum
aus Ecuador ganz gut verstauen.
Dienstag, 28. März
Heute nun also der Tag,
weswegen wir 17 Stunden Flug auf uns genommen haben die
Panamakanaldurchquerung.
Wir stehen kurz nach 6 auf, weil wir uns achtern an Deck 10, wo
wir immer frühstücken, unser Basislager errichten wollen.
Kurz zum Kanal: Schon die Spanier hatten gerafft, dass ein Kanal
eine gute Möglichkeit wäre, die 8.000 Seemeilen rund um
Kap Hoorn einzusparen. Eine US-amerikanische Gesellschaft baute
von 1850 bis 1855 eine Eisenbahn von Colon nach
Panama-City. Das deswegen, weil man sich so den mühsamen Treck
durch den wilden Westen sparen konnte.
Man fuhr mit dem Schiff nach Colon, dann mit der Eisenbahn nach
Panama-City und von dort mit dem Schiff nach San Francisco.
1878 bekam Lesseps, Erbauer des Suezkanals die Bewilligung zum
Bau eines Kanals, nur musste er wegen
Finanzierungsschwierigkeiten und anderen Widrigkeiten, vor allem
den Krankheiten der Arbeiter aufgeben.
In Panama, das damals noch zu Kolumbien gehörte, fand eine
Revolution zur Abspaltung von Kolumbien statt,
die von den Amis unterstützt wurde und dann konnte mit dem Bau
des Kanals begonnen werden.
Bis zur Jahrtausendwende stand die Kanalverwaltung unter
US-Hoheit, jetzt dürfen das die Panamesen selber machen
und der Dollar rollt.
Pro Passage werden 100.000 Dollar fällig, 2004 sind 921
Millionen US-Dollar eingenommen worden.
Unsere Millenium muss für die Passage 200.000 Dollar hinlegen.
Es dämmert und es ist dunstig, aber man kann die Skyline von
Panama-City erkennen, die recht weltstädtisch aussieht.
Es liegen massig Schiffe herum, aber wir fahren zügig an den
Kanal heran.
Morgens fahren die Schiffe vom Pazifik in den Atlantik und abends
vom Atlantik in den Pazifik.
Dann ist auch die Puente de las Americas zu sehen, die Brücke,
die bis vor ein paar Jahren die beiden Amerikas
zusammengehalten hat. Ein faszinierendes Bauwerk !

Der erste Streckenabschnitt ist noch nicht so doll, wir versuchen
am Ufer Kaimane zu erspähen und sehen auch einen.
Dann kommt dann auch die erste Schleuse, die Miraflores-Schleuse,
in der wir in 2 Stufen von jeweils 9 Meter hochgepumpt
werden.
Wir werden an jeder Seite von 4 Zahnradloks der Gesellschaft ACP
Pasacables an den Haken genommen und dann
geht es langsam rein in die Schleuse.
Neben uns liegt backbord das Containerschiff Bremen Express von
Hapag Lloyd
und entweder sind wir schneller oder sie, wir haben immer wieder
neue Perspektiven, einmal die Filipinos vorne oder wir
können fast in die Brücke reingucken.
Am Ausleger steht der panamesische Lotse, erkennbar durch ein
gelbes Poloshirt.
Die übrigen Jungs lungern beschäftigungslos herum ; nirgendwo
ist ein Kapitän machtloser als auf diesem Kanal.
Dieses Schiff gehört (wie wir) zur Panamax-Klasse, d.h. 294
Meter Länge, 32,3 Meter Breite und 12,04 Meter Tiefgang.
Die Doppelschleusen sind je 33, 5 Meter breit.
Ich sause wie angestochen durch das Schiff, die verschiedenen
Perspektiven
müssen beguckt werden, einmal von Deck 13, dann von Deck 11 und
interessant ist auch das Deck 4,
wo man die Schleusenwand greifen kann. Ich bin total fasziniert
von diesen Loks, die wahre Kraftpakete sein müssen.

Nach den 2 Staustufen, die noch von den 800 Tonnen schweren
Originaltoren von 1913 abgeschottet werden,
kommt die Passage durch den Culebra Cut, die schwierigste Stelle
beim Kanaldurchstich.
Hier sind die Hänge mit terrassenartigen Betoneinlagen erst vor
ein paar Jahren abrutschsicher gemacht worden.
Und dann taucht die zweite Brücke auf, die Puente del Centario,
die erst 2005 in Betrieb genommen worden ist.
Sie ruht auf 178 Meter hohen Pylonen und sieht sehr elegant aus.
Dann kommt die Schleuse Pedro Miguel, hier geht es nochmal ca. 9
Meter nach oben
dann haben wir die Höhe von 26 Meter des Gatun-Sees erreicht.
Und danach wird es richtig schön, ich hatte mir den Kanal ja so
vorgestellt, dass links und rechts der Urwald greifbar ist
und die Affen versuchen auf das Schiff zu springen und einem das
Essen zu klauen...
Wir fahren durch den Gatun-Stausee, aus dessen Süsswasser die
Schleusengänge gespeist werden.
Es gibt genug Wasser, was wir nachmittags auch noch merken
werden.
Dazwischen immer wieder Inselchen, Regenwald, ab und zu hört man
Papageien kreischen.
Die Route führt auch nicht geradewegs durch, sondern wir fahren
in Kurven.
Das sorgt für unverhoffte Perspektiven, wenn z. B. unsere Bremen
Express malerisch hinter uns zwischen
zwei Inseln auftaucht.
Ich bin permanent zwischen Deck 10,
unserem Basislager, Deck 11 und Deck 4 unterwegs, aber irgendwann
ist auch
mal Mittagspause.
So gegen 16 Uhr beginnt dann der Abstieg zum Atlantik in der
Gatun-Schleuse.
Es war ja schon den ganzen Tag eher wolkig, aber nun zieht es
sich zu und es beginnt langsam zu tröpfeln.
Als es wolkenbruchartig wird, verkrümele ich mich backbord auf
Deck 4, da ist es nämlich durch die Rettungsboote geschützt.
Aber ich muss ja nochmal gucken, wie das von oben aussieht -
deswegen geht es nochmal auf Deck 11.
Dort schaue ich mir innen von der Disco aus an, wie sich die
Massen von Süsswasser aus dem Gatun-Stausee in den Atlantik
entleeren.
Ich bin nochmal oben draussen auf Deck 11, als es richtig losgeht
und ich werde schön nass.
Die Jungs vom Containerschiff daneben filmen das und ich habe
auch meinen Spass.
Nach diesem Vorwaschgang gehe ich dann richtig duschen und haue
mich auf einen Deckchair auf dem geschützten Deck 4 und schaue
mir den Regenwald von unten an.
Ich hoffe ja immer, Papageien zu sehen, aber die hört man nur.
Als die noch schmale Passage vorbei ist und wir den Atlantik und
Colon sehen, ist es bereits ziemlich dunkel.
Im Hafen sehen wir die Crown Princess, die ihren
Paxen beim Karibik -Trip mal kurz den Törn in die
Gatun-Schleuse gegönnt hat.
Und dann Massen von Schiffen, die die Nachtpassage gebucht haben.
Der Atlantik ist rauher als der Pacifico.
Abends sind meine Tischgenossen alle recht müde und mir qualmen
die Füsse auch ganz ordentlich.
Aber ich habe John, dem Dance- Host ( so heissen die Gentleman -
Hosts bei Celebrity ) verprochen,
noch mal kurz in der Disco vorbeizuschauen. Naja, kurz.
Ich werde von Amis aus Connecticut an den Tisch eingeladen und
dann geht die Hüpperei los.
Als ich den dritten neuen Tanz lernen soll ( Arme nach rechts und
umeinander drehen, das ganze auch links,
dann rechte Hand auf rechte Pobacke und linke Hand auf linke
Pobacke ( die eigene selbstverständlich) und
dann noch weitere Verrenkungen folgen, reicht es mir.
John ist auch so ein Superkorrekter, der lässt mir Schlampereien
nicht durchgehen. Der muss mal lockerer werden.
Mittwoch, 29. März
Faul. Es ist der total krasse Gegensatz
zu gestern, ich vermisse den Kanal.
Donnerstag, 30. März
Aruba, selbständige Insel
innerhalb des niederländischen Königreichs mit einer eigenen
Währung.
Von oben aus sieht man ein grosses knallrosa Gebäude, die
Bebauung ist wie auf allen Karibikinseln niedrig und
das Meer schimmert türkisfarben.
Wir starten eine Tour mit Rolli, geht ganz gut hier.
Im Empfangsgebäude hängt ein recht verblichenes Bild von
Beatrix und Claus aus ihren Jugendjahren.
Es gibt einige Shoppingmalls mit z.T. recht edlen Geschäften.
Ich erwerbe eine rosa Baseballmütze mit halbwegs geschmackvoller
Stickerei, weil mein Sonnenhut immer wegfliegt.
Vor uns liegt die Golden Princess, der andere
Unglücksdampfer. In einem Laden tauschen sich zwei amerikanische
Ladies über die jeweiligen Katastrofen aus.
Nach der zweistündigen Tour gehen wir wieder aufs Schiff, ich
muss mich stärken, weil ich nachmittags nochmal allein
losziehen will.
Ich muss ja nach den üblichen karibischen Dingen gucken, wie Rum
und scharfe Sossen und bin
auch halbwegs erfolgreich.
Der Stiff Upper Lip Club sitzt heute auf Deck 10 auf unserer
Seite, dass mir das nicht zur festen Gewohnheit wird!
Da wurde ich ja glatt noch anfangen, Cohibas rauchen, um die zu
vertreiben!
Die gucken auch mürrisch, wenn es richtig schön ist wie gerade
- das blaue Meer, die untergehende Sonne und die Pelikane,
die immer zu Zweit angeflogen kommen.
Heute Abend sind die beiden dünnen Damen besonders elegant
angezogen, aber in schwarz und dunkelbau.
Wahrscheinlich deswegen, weil am Ende des Essens die gesamte
Kellnerbrigade mit 2 Kuchen mit brennenden
Kerzen drauf anrollt und erst mal Doreen und dann Margret mit
einem Geburtstagsständchen beglückt.
Die Zwillinge lassen das mit stoischem Gesichtsausdruck über
sich ergehen
( Oh Gott, wie gewöhnlich ) und die Kellner dürfen die Kuchen
auch wieder mitnehmen.
Freitag, 31. März
Heute haben wir etwas raue
See, ich muss mich im Bett sehr an die Wand drücken, um nicht
aus dem Bett zu fallen.
Wir haben ca. 5 Meter hohe Wellen. Beim Frühstück fehlen ein
paar Menschen, die sonst immer an Deck 10 im Ocean Cafe
sind und ein Passagier hat einen Antikotzkleber hinter dem Ohr.
Mir hatte der nette Oberkellner gestern gesagt, ich könne mal am
Empfang probieren, ob ich eine Küchenführung kriege.
Das probiere ich aus, aber der reichlich hochnäsige Knabe am
Empfang teilt mir mit, dass ich unwürdiges Subjekt erst mal
Member des Captains Club oder so ähnlich sein müsste, um
in den Genuss solcher Privilegien zu kommen.
Also beantrage ich mal eine Celebrity Cruises Club Member Card.
Der Käptn macht ein bisschen mehr Speed, 23 Knoten, weil es doch
ziemlich wackelig ist, bumpy road sagen die Amis
dazu.
Heute abend ist nochmal Aufrüschen angesagt, die Kellner haben
uns gestern schon mal den Mund wässrig gemacht,
mit Versprechungen von Hummer und Mitternachtsbuffet.
Letzteres lässt ja die Paxe des Late Sitting kalt, aber hingehen
müssen wir natürlich.
Zu dem letzten Budenzauber machen wir uns dann auch richtig fein,
es gibt Hummer und Baked Alaska, dieses allerdings ohne
Wunderkerzen, das ist bei der niedrigen Decke doch etwas heikel.
Unsere Stuff Upper Lips lassen sich herab, sich mit den Kellnern
fotografieren zu lassen und sie können sogar lachen -
irgendjemand muss denen was in ihr Eiswasser geschüttet haben.
Das Mitternachtsbuffet ist gigantisch, mehrere Eisfiguren und
Massen von kalten Platten,
am besten gefällt mir ja noch die Schokoladenkirche.
Samstag, 1. April
Letzter Tag, Packen ist angesagt.
Sonntag, 2. April
Wir sind in
Fort Lauderdale angekommen, im Hafen liegen außer uns noch 6
weitere Kreuzer.
Wir reisen nun in die USA ein, für Gisela ist es das erste Mal.
Sie bekommt auch gleich einen unvergeßlichen Eindruck, ein
Condoleeza-Rice-Verschnitt brüllt im Kasernenhofton,
dass wir uns anständig anzustellen haben, das Paßbild nach oben
zu zeigen hat und ich komme mir vor wie früher an der
DDR-Grenze.
Der Immigration-Officer faucht mich an, was ich 1999 in den
Vereinigten Arabischen Emiraten zu suchen hatte,
aber ich reagiere lässig, mit der Aussage " visiting a
friend, who worked for a German company".
Danke, liebe Amerikaner, daß wir das DDR-Feeling nochmal erleben
dürfen!
Da wir noch
auf andere Passagiere warten müssen, die auch nach Miami Beach
ins Hotel gefahren werden,
vertreibe ich mir die Zeit damit, auszuprobieren, ob das mit den
kostenfreien Gespräche in den USA ( Call Collect)
immer noch funktioniert.
Ich habe nämlich Verwandtschaft in Florida.
Meine Tante reagiert entsetzt, als ich ihr erzähle, dass wir auf
der "Millenium" waren und sagt, dass das tagelang in
den USA durch die Medien gegangen ist.
Wir fahren ins
Hotel, das Doubletree Surfcomber in Miami South Beach mittenmang
im Art Déco Viertel.
Das ist ein schnuckeliges kleines weißes Hotel inmitten der
größeren Schuppen auf der Collins Ave.
Wir machen erst mal einen Power Nap, auf deutsch ein
Mittagsschläfchen. Dann dusche ich und versuche die Art Déco
Armaturen
auszutricksen; ein Kunststück, sich nicht zu verbrühen, wenn es
keine Mischbatterien gibt.
Dann wartet
meine Tante mit ihrem Mann in der Empfangshalle auf mich und dann
wird erstmal erzählt.
Das Hotel empfiehlt uns ein Restaurant, das allerdings ganz
woanders liegt.
Also fahren wir quer durch Miami in Richtung Key Bisquaine und es
kommt uns wahnsinnig viel Verkehr entgegen -
da war gerade Tennisturnier
Da wir in einem Cadillac fahren ( nein, kein Pink Cadillac) und
die ganze Kulisse so märchenhaft ist, kommen wir uns vor wie im
Film.
Das Restaurant
heißt "Rusty Pelican" und es gibt verdammt leckeres
Essen dort.
Ich pfeife mir Surf'n Turf rein, eine Kombi aus Steak und
Hummerkrabben.
Ich schaffe es auch, mal meinen Teller leer zu essen, was auf dem
Schiff mit den 3 Gängen vorher nicht immer drin war.
Nach einem herzzerreißenden Abschied nehmen wir noch einen alkoholisierten Eistee am Pool zu uns.
Montag, 3. April
Wir sollen um
12:30 abgeholt werden - Gisela zieht es vor, am Pool zu sitzen
und ich muss dringend zu Macy's.
Der Schuppen ist enttäuschend, hat "Cheap and Awful-
Niveau" und ich stromere weiter.
In der hippen Fußgängerzone sitzen die Nachtschwärmer und
frühstücken.
Da die ebenfalls hippen Läden größtenteils erst um 11:00
aufmachen, spare ich jede Menge Geld.
Nur ein Buchladen mit niedlicher Buchladenkatze hat schon auf.

Wir werden
überpünktlich abgeholt, erwähnenswert ist noch die Kontrolle
zum Flieger.
Gisela hatte schon lange nicht mehr so viel unerwünschten
Körperkontakt ; da sie bei solchen längeren Aktionen immer im
Rolli sitzt,
und der nicht durch den Detektor geht, bekommt sie die ganz
besondere Zuwendung des Sicherheitspersonals.
Der Flug ist
ok, Schlafen ist irgendwie nicht drin, also gucken wir "
Walk the Line"- die Turbulenzen südlich von Grönland,
die sich anfühlen wie Schiff bei Seegang, passen ausgezeichnet
zu den rockigen Passagen.
Das Essen ist saumäßig, ein paar Schnipsel Huhn mit Mais und
Rosinenreis und morgens ein gibt es ein zähes Brötchen.
Resumée: ich
habe selten eine so interessante Reise gemacht, sowohl von der
Tour her als auch von den Emotionen, die durch
den schrecklichen Unfall ausgelöst wurden. Es zeigt einem wieder
mal, wie nah der Grat zwischen Leben und Tod ist.
zurück zu Reisen