Deutsch - Aufsatz

von Reho (1971)

 

 

"Eigentum ist Diebstahl" (Proudhon, 1840) - "Jeder hat ein Recht auf Eigentum"

- Erläutern Sie die beiden gegensätzlichen Thesen und nehmen Sie Stellung dazu -

 

 

Einleitung:

Während in den Jahren des Aufbaus und des Wirtschaftswunders nach dem 2. Weltkrieg in der Bundesrepublik ein absolutes Recht auf Eigentum nie ernsthaft in Frage gestellt worden ist, werden in letzter Zeit immer mehr Stimmen laut, welche dieses vermeintliche Recht verneinen.

Die meisten Diskussionen entzünden sich an dem Problem der immer knapper werdenden bebauungsfähigen Grundstücke in den Städten und der rasch steigenden Wohnungsmieten nach der Umwandlung der sogenannten "schwarzen Kreise" in "weiße Kreise", also der Aufhebung der Mietpreisbindung für frei finanzierte Wohnungen.

Die extremsten Meinungen vertreten auf der einen Seite die DKP, die Jusos und einige Stadtplaner, auf der anderen Seite Industriekreise, Teile der CDU/CSU und der Haus- und Grundbesitzer-Verband, wohingegen die Meinungen in der Bevölkerung sehr unterschiedlich sind und die meisten Leute keine genauen Vorstellungen über die Ursache dieses Problems haben.

 

These:

Unter Diebstahl versteht man eine widerrechtliche Aneignung von Gütern. Wenn auch der Erwerb von Eigentum kein bestehendes förmliches Gesetz verletzt, so ist er dennoch moralisch als verwerflich anzusehen. Auf der Welt gibt es von Natur aus nur eine beschränkte Anzahl von Gütern, die zum menschlichen Ge- und Verbrauch geeignet sind. Auch die Produktion von solchen Gütern ist im Vergleich zur Gesamtheit der Weltbevölkerung minimal.

Da also nicht so viele Güter vorhanden sind, daß jeder Mensch sich ausreichend damit versorgen könnte, nehme ich zwangsläufig einem anderen Menschen beim Erwerb von Eigentum etwas weg. Die Idee des Kommunismus geht von dieser Tatsache aus. Es dürfte auf der Welt kein privates Eigentum geben; alles sollte allen gehören.

Von dem Begriff des Eigentums muß der Begriff des Besitzes unterschieden werden. Ein Gegenstand kann nicht zu gleicher Zeit von allen Menschen benützt werden. Es ist daher erforderlich, daß der einzelne Mensch so viel in seinen Besitz nimmt, wie er unbedingt zum Leben braucht und er sich durch seine Arbeit erworben hat.

Er erwirbt aber kein Eigentum an der Sache, sondern nur ein zeitlich begrenztes Nutzungsrecht. Wie lange er eine Sache besitzt, hängt davon ab, wie lange er ihrer bedarf. Benötigt ein anderer die Sache dringender als er, so muß er sie ihm überlassen.

Um diesen Idealzustand erreichen zu können, bedarf es allerdings einer Umerziehung des Menschen, der bisher nur seine eigenen egoistischen Ziele im Auge hatte und seinen Nächsten vergaß.

Dieser Idealzustand ergibt sich auch zwangsläufig aus der Forderung der christlichen Religion: "Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst." Die ersten christlichen Gemeinden hatten diese Forderung auch zum größten Teil verwirklicht. Sie waren kommunistisch im eigentlichen Sinn des Wortes.

Es ist klar, daß Eigentum an Produktionsmitteln noch viel verwerflicher ist, als Eigentum an Konsumgütern, da es die Arbeiter abhängig macht und der Eigentümer mit dessen Hilfe auch ein Eigentum an den hergestellten Waren erwirbt.

Am Beispiel des Haus- und Grundbesitzes bedeutet dies: jedem Menschen steht nur eine Wohnung zur Verfügung, da er selbst nicht mehr braucht. Eine Vermietung ist unmöglich.

Alle Waren werden nicht mehr verkauft oder vermietet, sondern nur noch verteilt.

 

Antithese:

Dieser Idealzustand läßt sich jedoch, so gut es auch wäre, nie erreichen. Diese ganze kommunistische Lehre ist nur graue Theorie; die Praxis sieht ganz anders aus. Schon die Grundvoraussetzung für diese Idee, für diese ganze Weltanschauung, wird nie erfüllt werden können, nämlich die Umerziehung des Menschen.

Der Mensch ist von Natur aus habgierig und egoistisch. Wie alle Lebewesen besitzt er einen Selbsterhaltungstrieb, der nicht nur dafür sorgt, daß der Mensch eine Chance zum Überleben hat, sondern auch dafür, daß er sich die optimalen Lebensbedingungen schafft.

Dieses Prinzip der Natur befähigte den Menschen, sich über alle Lebewesen zu erheben und zum Beherrscher der Welt zu werden. Wäre dies nicht der Fall, so wäre der Mensch der natürlichen Auslese der Natur zum Opfer gefallen, die nur den Stärksten überleben läßt.

Daß dieses Prinzip im Menschen von heute weiterlebt und nicht nur gegen die anderen Lebewesen, sondern auch gegen seinesgleichen gerichtet ist, brauchten die Fehlschläge in den sog. "kommunistischen" Ländern nicht erst zu beweisen. Anstelle des Privateigentums an Produktionsmitteln ist dort der Staatskapitalismus getreten, der die erarbeiteten Güter nicht gerecht verteilt, sondern nur für die eigenen Machtinteressen mißbraucht (Rüstung, Verwaltungsapparat, Parteibonzen.)

Auch ist die staatliche Planung kein Ersatz für die Privatinitiative, die vom Gewinndenken geprägt ist und das Angebot optimal an die Nachfrage anpaßt. Die Arbeiter vollbringen höchste Leistungen nur dann, wenn sie dafür privates Eigentum erwerben können.

Jeder Mensch hat ein Recht auf Eigentum. Dieses Recht ist im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland für ihre Bürger verankert. Dieses Recht ist unmittelbar bindend und geht über alle anderen Gesetze.

Das Eigentum gibt dem Menschen ein Gefühl der Sicherheit. Er kann seine Altersversorgung über die geringe Rente hinaus gewährleisten. Auch erreicht er damit einen gewissen Grad an Unabhängigkeit und Freiheit. Er kann sein Eigentum gewinnbringend anlegen und damit die Wirtschaft in Schwung halten, zum Nutzen der ganzen Bevölkerung.

In unserer Leistungsgesellschaft muß ein Anreiz zur Arbeit vorhanden sein. Wer viel leistet, sollte auch viel verdienen. Die Gleichmacherei nützt nur den Dummen und Faulen. Der Fleißige und Tüchtige könnte sich nicht richtig entfalten. Wenn der Bauherr keine gewinnbringende Miete erzielt, wird er sein Geld in der Industrie anlegen. Ein großer Rückgang der Bautätigkeit wäre die Folge. Damit wäre niemandem gedient.

 

Synthese:

Der Grundsatz "Eigentum ist Diebstahl" ist viel zu extrem. Ich bin für ein Recht auf Eigentum. Allerdings muß das Eigentum, wie das auch im Grundgesetz verankert ist, verpflichten und zwar zum Gemeinwohl. Das Eigentum muß sozial nützlich sein. Niemand darf das Eigentum dazu mißbrauchen, andere in einer Notlage auszubeuten (Wucherzinsen, überhöhte Mieten, Bodenspekulation.)

Eine solche Notlage ist im Wohnungsbau gegeben. Jeder Mensch braucht eine Wohnung, wenn er menschenwürdig leben will. Es ist dies kein Luxus, sondern eine dringende Notwendigkeit. Es ist ein Unding, wenn der Fehlbestand an Wohnungen dazu mißbraucht wird, überhöhte Mieten zu fordern. Die Mietpreisbindung hätte erst bei einem Wohnungsüberschuß von ca. 5 % aufgegeben werden dürfen.

Bei den Bodenpreisen ist es nicht anders. Spekulanten treiben die Grundstückspreise in den Ballungszentren in die Höhe. Ohne Gegenleistung stecken sie fette Gewinne ein. In den Stadtzentren können die hohen Preise nur noch von Geschäftsleuten aufgebracht werden. Ganze Wohnblocks werden abgerissen. Die Städte veröden. Ich bin für eine Kommunalisierung aller Stadtgrundstücke. Es sollte nur noch eine Überlassung der Grundstücke zur Bebauung auf 60 - 90 Jahre durchgeführt werden.

Das Recht auf Eigentum ist also grundsätzlich zu bejahen. Allerdings muß dabei gewährleistet sein, daß der Gewinn unter den Arbeitern und den Unternehmern gerechter aufgeteilt wird, und daß das Eigentum sozial nützlich sein muß, zumindest aber nicht schaden darf.

 

Mein Lehrer schien mit diesem Klassen-Aufsatz zufrieden zu sein (Note verrate ich nicht), jedenfalls mußte ich den Text als Musterlösung vor der Klasse verlesen :-)) und ich hatte nicht mal abgeschrieben !

Der Lehrer (dieser hatte Humor) setzte folgende Beurteilung unter die Arbeit: "Ihre Schrift ist schlecht, und Ihre Unterschrift beengt meine Stellungnahme - sonst ist nichts zu sagen."

Aus den genannten Gründen möchte ich der Welt diesen Text als Ausgleich für meine Latein-Arbeit nicht länger vorenthalten ;-), auch wenn er schon etwas älter ist.

 

Reinhard Horber

 

© 1971 by Reho

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