Reinhard Horber

Stuttgart, 22.1.1970

 

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Berlin, die geteilte Hauptstadt

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Bericht über eine denkwürdige Reise

 

Wider das Vergessen (von links bis rechts)

 

Am 11.1.1970 trafen sich die 33 Teilnehmer eines Ost-West-Seminars des Internationalen Instituts für Gesamtdeutsche Bildungsarbeit in der Ha1le des Flughafens Stgt.-Echterdingen. Nachdem der Reiseleiter uns alle mit Hilfe unserer Anstecknadeln identifiziert und jedem seinen Flugschein ausgehändigt hatte, konnte die Reise beginnen. Das Fluzeug, statt des üblichen Busses, war gewählt worden, weil man an der Zonen-Grenze Komplikationen befürchtete.

Wir bestiegen den Jet Clipper Stuttgart, eine Boeing 727 (Trijet) der Pan American World Airways, und ließen uns während des Flugs von den hübschen und freundlichen Stewardessen betreuen, während wir aus 3000 m Höhe die Aussicht auf die verschneiten Dörfer genossen.

 

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Jet Clipper Stuttgart, Bild: O. Rave, 1969 m. fr. Gen.

 

Der Flieger benutzte den südlichsten der drei Luftkorridore und landete nach einer Stunde wohlbehalten auf dem Flughafen Tempelhof, mitten in der Vier-Sektoren-Stadt. Es war bitter kalt. Aus dem Osten wehte, nicht nur bildlich gesprochen, ein rauher Wind.

Draußen wurden wir schon von einem Betreuer erwartet und mit dem Bus zu unserer Unterkunft nach Berlin-Zehlendorf, Goethestraße, ins Haus der Zukunft, in eine wunderschöne alte Villa, gebracht.

 

Brandenburger Tor

Tor zur Freiheit und zum Gefängnis

 

Was dann folgte, waren acht ereignisreiche, um nicht zu sagen, turbulente Tage. In bunter Folge wechselten sich Vorträge über die Probleme der geteilten Hauptstadt Berlin im Jahre 1970, das Wesen und Werden der Ulbricht-Diktatur, die politische Situation der Bevölkerung und der bewaffneten Verbände in der Sowjetische Besatzungszone (SBZ) und Stadtrundfahrten in ganz Westberlin ab. Auch über die Infiltrationstätigkeit der Kommunisten und die SED in Westberlin wurde gesprochen.

Wir sahen z.B. den Funkturm, die FU, das Olympia-Stadion, die Kongreßhalle, das Luftbrückendenkmal, das Rathaus Schöneberg, Schloß Bellevue und Charlottenburg, die Siegessäule, den Ku´ Damm, die Gedächtniskirche und das Europa-Center.

Die Gedenkstätte Plötzensee, wo wir der Opfer des Nazi-Regimes gedachten, beeindruckte in ihrer Schlichtheit. Wenn man im Hinrichtungsschuppen die 5 übrig gebliebenen Haken sieht, überkommt einen das Grauen. Dort waren über 2500 Nazi-Gegner als sog. Volksfeinde per Fallbeil oder durch den Strang ermordet worden, unter ihnen z.B. auch Carl Goerdeler.

 

    Mauer am Brandenburger Tor

Mauer am Brandenburger Tor

 

Am Brandenburger Tor, in dessen Nähe die Sowjets noch ihr Ehrenmal bewachten, mißlang mir dann leider das obligatorische Gruppenfoto, was aber zu verschmerzen sein dürfte.

Ein gutes Beispiel für die Diskrepanz, die zwischen den Worten und Taten der DDR-Machthaber besteht, lieferte die Glienicker Brücke. Dort steht ein Schild mit der Aufschrift: “Die ihr den Namen "Brücke der Einheit" gaben, bauten auch die Mauer, zogen Stacheldraht und verhinderten so die Deutsche Einheit.“

Und dann die Mauer; immer wieder stießen wir auf diese unnatürliche und schmerzliche Grenze mitten durch Berlin. Am 13. August 1961 errichtet und seitdem immer weiter ausgebaut, macht sie mit ihren Scheinwerferketten, Stacheldrahtverhauen, Grabensperren, Wachttürmen und Sichtblenden besonders bei Nacht einen gespenstischen Eindruck.

Dieser Eindruck vermittelt sich besonders in der Bernauer Straße, die wegen der zugemauerten Türen und Fenster auch die "Straße der toten Augen" genannt wird. Dort spielten sich dramatische Szenen ab, als im letzten Augenblick, beim Mauerbau, noch einige Menschen in die Freiheit sprangen.

 

Mauerbau

Die Handlanger bei der Arbeit

 

Aber die Mauer von 24 km Länge, bei der 12 - 14 Tausend Kilometer Stacheldraht verarbeitet wurden, vermochte es nicht, die Berliner Bevölkerung zu isolieren und mutlos zu machen, ebensowenig, wie dies die Sowjets durch die Blockade (Luftbrücke) geschafft hatten.

Dazu dürfte der sprichwörtliche Humor der Berliner ein klein wenig beitragen, welcher sich auch in der Benennung von verschiedenen Bauwerken und Denkmälern, wie z.B. der Schwangeren Auster, dem Langen Lulatsch, der Hungerkralle, dem Schaschlikspieß und dem Denkmal der unbekannten Pulloverstrickerin, äußert.

 

Neben dem offiziellen Programm blieb uns genügend Zeit, um in Eigeninitiative einen Überblick über die Probleme, aber auch über die Vorzüge, das kulturelle Leben und die Sehenswürdigkeiten Berlins zu gewinnen.

Daß dabei auch das vielgestalte Nachtleben nicht zu kurz kam, versteht sich. Die beste Disco war das "Cheetah". Zwischen 03.00 und 04.00 h in der Nacht fanden wir uns nach dem Ausgang täglich jeweils in der Lobby unserer Villa zu einem gemütlichen Schlummertrunk ein. Dabei war es Ehrensache, jeden Morgen um 08.00 h wieder beim Frühstück zu erscheinen.

 

Sperranlagen

Sehnsucht nach den eingesperrten Freunden

 

Die Gelegenheit zum Besuch Ostberlins wurde nur von wenigen wahrgenommen. Sei es, daß die Devise “Mit 10 DM sind sie dabei“ (Zwangsumtausch) mißfiel oder ein Reisepaß fehlte, oder sei es, daß Unannehmlichkeiten befürchtet wurden. Ich selbst verachtete die Vopos (sog. Volkspolizisten) abgrundtief - wie ich jeden verachte, der sich um persönlicher Vorteile willen für so ein Unrechtsregime hergibt - und hätte mich nicht um alles in der Welt von diesen kontrollieren lassen.

Stattdessen besuchte ich das Musical "Hair", das mir die Hippi-Kultur näher brachte und sympathisch machte (danach trug ich die Haare deutlich länger). Ich wäre auch sehr gerne noch in den alten Wintergarten, der wenig später abgerissen wurde, zum Sechstagerennen gegangen, schaffte dies jedoch zeitlich nicht mehr.

Hervorzuheben wäre besonders die keineswegs tendenziöse, sondern durchweg sachliche Information, die wir während unseres Aufenthalts in Berlin bekamen und die es jedem einzelnen erlaubte, sich ein eigenes Urteil zu bilden.

Es gab wohl keinen, der es am 17.1.1970, als wir uns auf dem Zentralflughafen Tempelhof zum Rückflug trafen, nicht bedauert hätte, Berlin verlassen zu müssen. Ich verstand jetzt, warum die meisten Leute so gerne noch einen Koffer in Berlin hätten.

 

Anmerkung: Eigentlich wollte ich eine absolut unpolitische Homepage gestalten, aber bei dieser Reise (mein erster Flug) war die Politik natürlich allgegenwärtig. Die Fotos (mit Ausnahme des Jet Clippers Stuttgart) entstanden einige Jahre später bei einem zweiten Besuch Berlins.

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