SPQR

Latein

SPQR

 

Laus linguae latinae

 

Romulus und Remus

Rom, Kapitol (c)

warum heute noch Latein lernen ?

Romulus und Remus

Rom, Kapitol (c)

 

P r o l o g

 

Es sage mir keiner, daß es sinnlos sei, heute noch Latein zu lernen.

Zwar möchte ich hier nicht die schon in ungezählten Festreden verbreiteten Argumente wiederholen, daß nämlich das Latein die "regina linguarum" ist, von der die Tochtersprachen Italienisch, Spanisch, Portugiesisch, Rumänisch u. Französisch abstammen.

Ich möchte auch nicht wiederholen, daß dies die Sprache der Kunst und Wissenschaften ist und daß das Latein und mit ihm die römische und griechische Kultur, die geistigen und kulturellen Grundlagen Europas beinhalten.

Ferner auch nicht, daß der Lateinunterricht nebenbei noch so nützliche Eigenschaften wie eine stärkere Lerndisziplin (funktioniert nicht bei jedem :-)) und das Ertragen von Leistungsdruck fördert (oops, jetzt habe ich es doch getan) - nein, ich möchte meine Ansicht aus meinem eigenen Erleben heraus begründen.

Daß manch ein "Leidensgenosse" den Gedanken hegt "warum soll es denen (den jungen Schülern) denn besser ergehen als mir ?", ist natürlich nur ein Gerücht.

 

Geständnisse

 

Um gleich in medias res zu gehen, ich wurde durch die Unterrichtung in Latein ständig darin geschult, meine Arbeit in großer Schnelligkeit zu erledigen, weil ich nahezu täglich meine Hausaufgaben in der kurzen Pause zwischen zwei Unterrichtseinheiten von meinem Freund und Nebensitzer Friedrich Lehmkühler abschreiben mußte. Dies befähigte mich zu ungeahnter Schnelligkeit beim Schreiben, schädigte allerdings die Lesbarkeit meiner Schrift.

Des weiteren wurde durch den Lateinunterricht mein Ausdrucksvermögen in Deutsch sehr gefördert und dies nicht nur wegen der grammatikalischen Feinheiten, die das Lateinische zu bieten hat, sondern vor allem durch folgende Übung:

Da ich selbstverständlich auch bei den Klassenarbeiten von meinem Freund Lehmkühler (der war unersetzlich) abschrieb (mundus vult decipi, ergo decipiatur), der Latein-Lehrer dies aber beim Vergleich der Arbeiten nicht merken durfte, war ich gezwungen, das Gelesene simultan so umzuformulieren, daß der Text zwar anders aussah, aber dennoch den gleichen Sinn hatte.

 

Gymnasium Wertheim

Bismarck - Gymnasium Wertheim (1962)

 

Elegantia

 

Wer ein Gefühl für die Schönheit einer Sprache und die Eleganz einer Satz-Konstruktion hat, kann beim Latein voll auf seine Kosten kommen, wie z.B. bei folgendem Satz:

 

Ceterum censeo, carthaginem esse delendam (man beachte die elegante Umstellung der beiden letzten Worte und die snobistische Beiläufigkeit, mit welcher der Redner Cato diese wichtige Feststellung traf). Ohne Lateinkenntnisse wäre ich glatt um diesen Genuß gekommen.

oder

Bella gerant alii, tu felix Austria nube! Ja, ja, die Österreicher, bei diesem Satz ist die Betonung wichtig !

oder

Non scholae, sed vitae discimus - (da half alles Jammern nichts, gegen diesen Spruch gab es kein Gegenargument) - schöne Demonstration (bloßer Dativ, für die .., für das..)

 

Natürlich war das letztere eine faustdicke Lüge unseres Lateinpaukers. Jetzt weiß ich auch, warum er immer so hinterhältig grinste, wenn er diesen Spruch abließ. In Wirklichkeit hat Seneca in seinem 106. Brief an Lucilius genau das Gegenteil gesagt, nämlich: Non vitae, sed scholae discimus ! - Das hätte ich mir doch gleich denken können !

(Das selbe Grinsen hatte der Lehrer auf, als wir ihn einmal fragten - wir wussten es wirklich nicht - was Alimente seien. Er antwortete nur: Ali, Ali, mente, mente ! und es dauerte noch geraume Zeit, bis wir die grausame Wahrheit erfuhren !)

 

Auch wer sich in der Rhetorik fortbilden will, kann nichts besseres tun, als die alten Römer zu studieren. Ich möchte nur an die berühmte Rede des Mark Anton erinnern (... und Brutus ist ein ehrenwerter Mann), selbst wenn diese von Shakespeare stammt ;-) Es gibt aber noch viele andere Quellen, etwa Cicero, den berühmtesten Redner Roms und dessen Schriften (z.B. "de oratore").

 

Nebeneffekte

 

Natürlich können nicht alle, die Latein lernen, dies später als Pfarrer bei der Lektüre der lateinischen Bibelfassung Vulgata oder als Juristen beim Pauken von Merksätzen wie diesen: "in dubio pro reo" oder "nulla poena sine lege" anwenden, aber es gibt noch weitere nützliche Nebeneffekte, quod demonstrandum est:

Schon kurz nach jenem denkwürdigen Tag, an dem ich zum ersten Mal die zeitlos gültigen und mein Leben verändernden Worte vernahm: "agricola laborat" wurde ich zu einem vornehmen Menschen, der seine jüngere Schwester nicht mehr mit so vulgären Ausdrücken wie "Ziege" oder "dumme Kuh" belegte, sondern ihr ein "capella" oder ein "vacca stolida" entgegenschleuderte, was diese besonders ärgerte, solange sie noch nicht wußte, was es bedeutete.

Genau genommen, dürften die ersten von mir gelernten lateinischen Worte folgende gewesen sein: "in vino veritas". Dabei handelte es sich nämlich um das Lieblings-Sprichwort meines Vaters, obwohl dieser eigentlich Bier bevorzugte.

Unser Latein-Lehrer am humanistischen Bismarck - Gymnasium Wertheim war längere Zeit der Direktor in persona. Er wurde von uns nur abgekürzt "rex" genannt. Der Unterrricht begann (semper idem) mit dem Gruß: "Salvete discipuli !", wonach die Antwort: "Salve magister !" zu erfolgen hatte.

Dies waren im Grunde genommen die einzigen lateinischen Worte, die wir flüssig sagen konnten, der Rest war häufig Schweigen; ich selbst hatte auf jeden Fall das Sprichwort: si tacuisses, philosophus mansisses verinnerlicht und zog die Konsequenzen daraus. Auch tröstete ich mich zuweilen mit der Erkenntnis: "errare humanum est".

Dieses Latein hat mich trotz meiner ökonomischen Arbeitsweise durch Abschreiben ungezählte Stunden gekostet, während derer ich, von meiner Mutter kontrolliert, mit aufgeschlagenem Lateinbuch in der guten Stube sitzen und lernen mußte, in Wirklichkeit aber unter dem Tisch zwischen den Beinen meinen geliebten "Karl May" las, von dem ich immerhin ca. 25 Bände schaffte.

Auch dies war ein positiver Effekt des Lateinunterrichts, welcher mir beim Indianerspielen "uff de Mäuerli vun Reichelze" einen erheblichen Wissensvorsprung verschaffte und mich deshalb dort für Führungspositionen (Winnetou oder Old Shatterhand) praedestinierte.

Sechs Jahre Latein gehen trotz allem nicht spurlos an einem Schüler vorbei, so daß ich selbst jetzt noch, über 40 Jahre später, wenn man mich des nächtens wecken würde, ohne Mühe anhand des Wortes amare die A-Konjugation von mir geben könnte:

Präsens, Indikativ, Aktiv: amo, amas, amat, amamus, amatis, amant, selbstverständlich auch im Imperfekt, Konjunktiv, Aktiv : amarem, amares ...

 

Die rauhe Wirklichkeit

 

Soviel zur Liebe (ital.: amore), kommen wir zur rauhen Wirklichkeit zurück. Leider hat nicht immer alles so perfekt geklappt. Es gab auch rabenschwarze Tage (wenn Lehmkühler fehlte, oder wie hier, gemeinerweise den Text "A" zu bearbeiten hatte, während ich mich mit Text "B" abplagen mußte), was meine Klassenarbeit Anno Domini MCMLXII, Klasse OIIIb, beweist:

 

Lateinarbeit

Eine reife Leistung !

 

Das war der Anfang des strittigen Textes:

 

Quo proelio bellum Venetorum totiusque orae maritimae confectum est. nam cum omnis iuventus, omnes etiam gravioris aetatis, in quibus aliquid consilii aut dignitatis fuit, eo convenerant, tum navium quod ubique fuerat unum in locum coegerant...

 

Nachdem ich schwungvoll begonnen und schon eineinhalb Sätze zu Papier gebracht hatte, breitete sich in meinem Pennälergehirn plötzlich eine große Leere aus. Seit dieser Zeit habe ich einen "horror vacui".

Ich sah mich hilflos einem Meer von mir völlig unbekannten lateinischen Wörtern gegenüber, aus dem nur sehr vereinzelt hier und da eine Rettungsinsel in Form eines mir geläufigen "est", eines "etiam" oder "bellum" hervorragte.

Vergeblich versuchte ich, wie einst Goethe (römische Elegien), jener allerdings mit Erfolg, den Genius zu wecken und es nützte auch nichts, daß mir in diesem Augenblick der Anfang von Caesars Werk "de bello gallico" einfiel, den wir alle hatten auswendig lernen müssen:

Gallia est omnis divisa in partes tres, quarum unam incolunt Belgae, aliam Aquitani, tertiam qui ipsorum lingua Celtae, nostra Galli appellantur...

Das war ja nicht gefragt ! - sondern es handelte sich um die Übersetzung des 3. Buchs, Kapitel 16 -

 

Nach längerem Nachdenken streckte ich, was ja Caesar nie getan hätte, die Sinnlosigkeit meines Tuns einsehend, die Waffen. Ich war mit meinem Latein am Ende.

 

Klassenraum

In diesem Erdgeschoßraum geschah es :-)

 

Mein völlig humorloser Lateinlehrer quittierte dies (horribile dictu) mit einer an Deutlichkeit keinen Wunsch mehr offen lassenden Note, wobei er sogar noch die Frechheit besaß, den annähernd richtigen Anfang durchzustreichen. Für diese reife Leistung hätte ich m.E. mindestens eine 6 + verdient gehabt.

Liebe Kinder, wenn ihr die selbe oder eine ähnliche Note in eurem Heft stehen habt, verzaget nicht, auch damit kann man noch als Beamter (dulce et decorum est pro patria mori) in den gehobenen (pecunia non olet) Staatsdienst kommen und auch sonst überall hin (z.B. nach Rom).

Das hängt allein, wie beim Fußball, von der Tagesform ab.

 

Lateinische Scherze

 

Nach so einer Niederlage (ich hatte einen Kampf verloren, aber noch nicht den Krieg), kann man sich nur noch mit lateinischen Scherzen trösten, wie z.B. den folgenden:

Caesar cum spectavit, portum plenum esse, iuxta navigavit (Als Caesar sah, daß der Hafen voll war, schiffte er daneben !).

Vera fides rara est (Vera ist selten treu !)

Mors certa, hora incerta (Todsicher geht die Uhr falsch !)

 

Finis

 

Ein bisschen enttäuschend war es schon, daß ich in all den Jahren noch nicht einmal herausfinden konnte, ob die Römer das "c" jetzt wie "k" oder wie "tsch" ausgesprochen haben, aber das lag nicht an mir.

Im Lateinunterricht wurde mir jedoch immerhin mein humanistisches Weltbild vermittelt (die Tagesnachrichten pflege ich des öfteren mit einem "si vis pacem, para bellum" zu kommentieren :-)) und wenn es mir z.B. gelingt, bei meinen genealogischen Forschungen in einer Kirche eine lateinische Inschrift zu übersetzen, dann bin ich immer ganz stolz auf mich.

In der Kirche war es auch, wo ich einen meiner größten Erfolge feierte, nämlich das Bestehen der Ministranten - Prüfung durch Rezitieren des "Vater unser" ( Pater Noster ) - wie der gleichnamige Aufzug - in lateinischer Sprache.

Auch diese Kunst beherrsche ich immer noch.

 

Die folgenden Bemerkungen schrieb mir mein Freund Lehmkühler zum Abschied in mein Lateinheft :-))

 

Lehmkuehler

Kommentar überflüssig !

 

Ach so, Sie haben nicht alles verstanden ? - sehen Sie !, hätten Sie doch lieber mal L A T E I N gelernt. :-) !!!

Die Hervorhebung der aus dem Lateinischen hergeleiteten Ausdrücke

erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit !

 

pagina constructa: 8.1.2001

pagina renovata: 2.10.2001, 5.1.2005

Reinhard Horber (fecit)

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