Reicholzheim / Tauber

 

 

Dach

Das Dach

 

 

Unter diesem Dach (ein echter Reicholzheimer wird es erkennen) verbrachte ich die ersten 16 Jahre meines Lebens.

Das große Fenster war mein Lieblingsplatz, hatte man von dort doch eine wunderschöne Aussicht bis zum Sauerstoffwerk in der Ferne, Richtung Bronnbach. An diesem Fensterplatz demontierte ich als Kind, mir ist es, als sei es erst gestern gewesen, mein schönes neues Postauto aus Blech (heute wäre es sicher ziemlich wertvoll), um festzustellen, wie es von innen aussieht. Ich war dann sehr enttäuscht, daß die Erwachsenen nicht fähig waren, dieses Auto wieder zusammenzusetzen.

An diesem Fenster saß ich auch gerne bei den zahlreichen Gewittern und obwohl ich mich schrecklich fürchtete, konnte ich doch den Blick nicht von den schaurig schönen Bildern wenden, wenn der Wind den Regen gegen die Scheiben peitschte, die Blitze zuckten und der Donner hallte. Dabei erforschte ich angstvoll mein Gewissen um den Grund dafür herauszufinden, warum der liebe Gott "schimpfte".

Hinter den kleinen Fenstern befand sich nach dem Auszug meiner Schwester mein Zimmer, in dem ich mich gerne aufhielt. Dort konnte ich in Ruhe basteln und lesen. Da mein Vater als Buchdrucker viele Bücher heimbrachte, war ich im Besitz einer kleinen Privatbibliothek, was in einem Bauerndorf damals eine Seltenheit war.

Damit mir auch sonst nichts entging, hatte ich eine Art von Telefon (Gegensprechanlage) in die Wohnküche verlegt, das auch als Abhöranlage zu gebrauchen war :-), solange die Batterie durchhielt. Im Winter waren die Fenster meines Zimmers total zugefroren, weil es keine Heizung hatte. An besonders kalten Tagen brachte mir meine Mutter eine Wärmflasche für das Bett.

Im Erdgeschoß befand sich die Gaststätte "Zur Emma", aus der mein Vater zeitweise kaum herauszubringen war, und im Hof eine kleine Schreinerei, später kam dann die Glasbläserei hinzu. Der Wirtin Emma gehörte der scharfe Kettenhund "Bobby", um den ich immer einen großen Bogen machte, wenn ich aus der Holzhütte einen Korb Holz oder Kohlen holte, weil er jedes mal wütend  bellte und die Zähne fletschte. Dort mußte ich auch vorbei, wenn ich aufs "Häuschen" wollte, das natürlich nicht beheizt war, aber an der Wand hing immer eine alte "Bild-Zeitung", nur Sonntags gab es den Luxus des angenehm glatten Papiers einer Illustrierten.

Hinter der Holzhütte,  Richtung Tauber, war ein sog. "Misthaufen", bei dem es sich aber mehr um einen Komposthaufen handelte, auf dem die Küchenabfälle landeten. Dort taten sich vor allem die Hühner gütlich, die in dem ganzen, nicht geteerten, Hof herumliefen und vom höchsten Punkt des Haufens krähte immer ein stolzer Hahn.

 

Vor dem Haus stand ein stattlicher Nadelbaum, den ich von meinem Zimmer aus gut sehen konnte und der das ganze Jahr über ein angenehmer Blickfang war. Manchmal ließ sich sogar ein Eichhörnchen blicken. Als ich eines abends nach Einbruch der Dunkelheit an dem Baum entlang nach oben blickte, sah ich plötzlich den russischen Sputnik als hellen Punkt auf seiner Umlaufbahn. Das war eine riesige Sensation.

In dem Hof war u.a. auch der Hasenstall eines Nachbarn. Ich brachte den Hasen im Sommer fast täglich ihr Lieblingsfutter, das ich in der Nähe am Wegrand sammelte. Sehr entsetzt war ich, als plötzlich mein Lieblingshase fehlte und ich nach und nach herausfand, daß er geschlachtet worden war. Damals wäre ich beinahe zum Vegetarier geworden, überlegte mir das aber noch einmal, nachdem ich erfahren hatte, daß ich dann auch keine Wurst mehr essen durfte.

Schade ist es um den schönen Garten meiner Eltern vor dem Haus mit einer Vegetation, die mir damals fast schon "tropisch" vorkam, so gut wuchsen dort alle Arten von Blumen, aber auch viele Arten von Gemüse, unter anderem  Erbsen und Bohnen an hohen Stangen. Mein erster Weg führte mich als Kind stets zu den roten Johannisbeeren, die es mir angetan hatten.

Es konnte auch vorkommen, daß ich den köstlichen Frühäpfeln, die im benachbarten Garten des Schuhmachers Weid wuchsen, nicht widerstehen konnte. Ich hoffe, daß man mir das nachsieht, es ist ja schon lange her und sicher verjährt :-)